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Ruth Bender zum Literaturnobelpreis

Kommentar Ruth Bender zum Literaturnobelpreis

Putin, Lukaschenko und ihren Vasallen wird sie nicht gefallen, die Entscheidung der Literaturnobelpreis-Jury für Swetlana Alexijewitsch. Dafür war man sich ansonsten einig wie selten: die Wettbüros, bei denen die Quote zuletzt drei zu eins lag, die Kritiker und die Schwedische Akademie mit der neuen, offensichtlich für einen Richtungswechsel offenen Sekretärin Sara Danius in Stockholm.

Sie alle setzten auf die Schriftstellerin und Dissidentin aus Weißrussland. Eine Wahl, die literarisch wie politisch Maßstäbe setzt.

Sie wolle dem wirklichen Leben so nahe wie möglich kommen, hat Swetlana Alexijewitsch einmal gesagt. Und wie die heute 67-Jährige in den Neunzigern in „Zinkjungen“ oder „Seht mal wie ihr lebt“ den Afghanistan-Krieg und den Zerfall der Sowjetunion dokumentierte, wie sie Interviews mit Zeitzeugen jenseits traditioneller literarischer Genres so zu Chören collagierte, dass sich die Realität in ihren Büchern mit der Wucht antiker Dramen entfaltete – das war und ist eine Art der Dokumentarliteratur, die bislang eher selten für preiswürdig befunden wurde. Schon das macht die Auszeichnung bemerkenswert.

Darüber hinaus aber lässt sich die Entscheidung in Stockholm auch ganz politisch als Botschaft an Weißrussland lesen, wo am Wochenende gewählt wird – vermutlich mit einem Ergebnis, das Präsident Lukaschenko ein weiteres Mal im Amt bestätigt. Die weißrussische Opposition aber darf sich durch die Entscheidung gestärkt fühlen. Auch das macht Swetlana Alexijewitsch zu einer glänzenden Wahl.

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Ruth Bender
Kulturredaktion

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