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Sebastian Harfst zum DFB

Leitartikel Sebastian Harfst zum DFB

Es war ein Sommer wie im Rausch. An den Autos hingen schwarz-rot-goldene Fähnchen. Nicht nur auf den Fanmeilen war ein kollektives Glücksgefühl greifbar, der Begriff vom „positiven Patriotismus“ machte die Runde. 2006 wurde zum Sommermärchen und ein Eintrag im kollektiven deutschen Gedächtnis: Bei der Fußball-Weltmeisterschaft war – so der damalige Leitspruch – „die Welt zu Gast bei Freunden“.

Und jetzt? Verlieren sich die damaligen Sommermärchenbeschaffer im Hin und Her rund um schwarze Kassen, Bestechung und täglich neue Enthüllungen rund um die WM-Vergabe in einer peinlichen Schlammschlacht. Der Deutsche Fußball-Bund, dieser gigantische, fast sieben Millionen Mitglieder umfassende Sportriese, bietet ein jämmerliches Bild beim Versuch, die Verstrickungen, die seltsamen Männerbünde aus den Hinterzimmern der Fußballfunktionärsebene, aufzuklären.

„In aller Offenheit und Ehrlichkeit“ trat DFB-Präsident Wolfgang Niersbach am Donnerstag vor die Presse. Es folgte eine gestammelte Rede mit der Quintessenz, dass er von fast nichts gewusst haben will. Nun legte Ex-Präsident Theo Zwanziger, Niersbachs Intimfeind, nach und bezichtigte seinen Nachfolger der Lüge. Und irgendwo dazwischen will die Fifa auch von nichts gewusst haben. Weiterhin ungeklärt, aber nicht unerheblich: die zwielichtige Rolle Franz Beckenbauers – und was wirklich mit den ominösen 6,7 Millionen Euro passiert ist.

Wer sagt da jetzt die Wahrheit? Die Antwort scheint zur Zeit ähnlich schwierig wie die Abwägung zwischen den Einlassungen Pinocchios und Baron Münchhausens. Schade ist das hässliche Possenspiel auch für die Erinnerung an den WM-Sommer 2006. Dieses Freudenfest hat den Blick des Auslands auf Deutschland verändert. Plötzlich galt das Land als lebensfroh und nicht mehr spießig. Plötzlich waren die Deutschen Organisationsweltmeister und keine Pedanten mehr. Jetzt sind sie diejenigen, die sich dieses Freudenfest ergaunert haben – wie so viele davor und danach.

Noch vor etwas mehr als einer Woche, vor den ersten Verdächtigungen des „Spiegel“, galt der Deutsche Fußball-Bund mit seinem Präsidenten Wolfgang Niersbach als möglicher Retter des Weltfußballs. Unter der Führung der starken Deutschen, des größten nationalen Sportverbands der Welt, des aktuellen Weltmeisters, müsste der Sumpf bei der Fifa doch irgendwie auszutrocknen sein, dachten viele. Diese Erwartungen waren zu hoch gesteckt. Oder traut irgendjemand Niersbach nach seinem überforderten Auftritt vom Donnerstag noch das Amt des Fifa-Präsidenten zu?

Die Frage der nächsten Tage wird sein, wann der Verband die Stunde der Märchenerzähler beendet und wie er um seine Glaubwürdigkeit kämpft. Ob Niersbach dafür der richtige Mann ist, ist fraglicher denn je.

Von Sebastian Harfst

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