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Stefan Koch zu Steinmeiers Kuba-Besuch

Leitartikel Stefan Koch zu Steinmeiers Kuba-Besuch

Frank-Walter Steinmeier zeigt sich als guter Wettkämpfer. Unmittelbar vor der Eröffnung der ersten US-Botschaft in Havanna stiehlt der deutsche Außenminister den Amerikanern – zumindest ein bisschen – die Show. Berlin und Washington hoffen gleichermaßen auf gute Startbedingungen beim einstigen Moskauer Vasallen. Jetzt heißt es: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Es ist ein vielsagendes Zeichen, dass sich Steinmeier nicht nur von seinen engsten Mitarbeitern, sondern auch von einer kleinen Wirtschaftsdelegation begleiten lässt. Neue Geschäftskontakte sind gern gesehen und beschleunigen den Prozess. Dennoch finden die Erkundungstouren der Kaufleute eher im Rahmenprogramm des Besuchs statt: Kuba – das ist für die heutige Politikergeneration eben mehr als nur eine verarmte Karibikinsel. In der so herrlichen Landschaft spiegeln sich all die politischen Konflikte wider, die das vergangene halbe Jahrhundert prägten. Es wächst die Hoffnung, dass die scheinbar endlosen Auseinandersetzungen nun endlich zu einem guten Ende kommen.

Gelöst sind die Probleme für die Kubaner durch die außenpolitische Öffnung sicherlich noch längst nicht. Brutale Repressalien und politische Gefangene gehören weiterhin in Havanna zum Alltag. Darüber täuschen weder die Sonnenstrände noch der fast überall zu hörende Reggae hinweg. Ebenso wie beim Iran-Deal liegen die Chancen aber bei einem Wandel durch Annäherung.

Über zwei Jahrzehnte hatte sich die Europäische Union – mit wenigen Ausnahmen – den kubanischen Kooperationen verweigert. Die quasi-Isolation und all die Protestnoten halfen den Regimegegnern jedoch weniger als erhofft. Angeführt von den USA beginnt nun endlich Plan B: Obwohl die Castro-Brüder weiterhin ihr Land mit eiserner Faust führen, soll die Zusammenarbeit Stück für Stück wieder neu aufgebaut werden. Auf beiden Seiten wächst die Sehnsucht nach Entspannung.

Es gehört allerdings auch zur Wahrheit, dass die alt gewordenen Revolutionäre sich weniger durch neue Einsichten leiten lassen. Sie gehorchen schlicht der Not, da ihre Verbündeten in Russland und Venezuela selbst mit großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Aber in der Politik kommt es eben manchmal auf die Gunst der Stunde an. Trotz der großen Propagandaschlachten, die in Havanna noch immer für die alten Ideologien geschlagen werden, sind die neuen Zwischentöne bemerkenswert. Das Regime stellt die USA immer seltener als Klassenfeind dar und immer häufiger als zahlungskräftigen Kunden, der auf der Insel noch einige Rechnungen offen habe.

Nichtsdestotrotz ist es ein symbolbeladener Neuanfang: Erstmals führt ein bundesdeutscher Außenminister heute offizielle Verhandlungen in Havanna, am Montag werden die amerikanischen Diplomaten erwartet. Und im Herbst hat sich der Papst bei den Katholiken der Karibik angemeldet. Es gleicht einem Epochenwechsel.

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