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Ulf B. Christen zum Krippen-Geld

Leitartikel Ulf B. Christen zum Krippen-Geld

Ob Bund, Land oder Kommune: In Deutschland gehört es auf allen Ebenen leider zum politischen Geschäft, den Sparstift zum Ende der Legislaturperiode aus der Hand zu legen und den Bürgern mit Blick auf die nächste Wahl teure Versprechen zu machen. Das gestern von der rot-grün-blauen Koalition in Schleswig-Holstein geschnürte Wahlpaket ist sogar doppelt dreist. Es ist erstens mit mehr als 60 Millionen Euro bis 2017 über die Maßen teuer, und es muss zweitens komplett über Kredite finanziert werden. Es sind also Wahlgeschenke auf Pump.

Angesichts dieser Ausgangslage wäre es die Pflicht von SPD, Grünen und SSW gewesen, das eigentlich nicht vorhandene Geld zumindest so sinnvoll wie möglich auszugeben. Hieran gibt es berechtigte Zweifel, gerade beim größten Projekt, dem Zuschuss für die Krippenbetreuung. Der 100-Euro-Scheck ist zwar gut gemeint, dürfte bei den meisten Eltern in Schleswig-Holstein aber nur mit mehr oder minder großen Abzügen auf dem Konto landen. Der Grund: Im Dschungel der schleswig-holsteinischen Krippenlandschaft gibt es zu viele klebrige Finger.

Aber der Reihe nach: Die Idee, die Krippen zu subventionieren, ist im Grundsatz richtig. Das zeigt nicht zuletzt die aktuelle Allensbach-Studie. Sie belegt, dass auch viele gleichberechtigte Paare mit der Geburt des ersten Kindes in die altbekannten Rollenmuster zurückfallen (müssen). Die Väter sorgen für das Familieneinkommen, die Mütter umsorgen den Nachwuchs. Diese klassische Arbeitsteilung ist nicht nur ungerecht, sie ist angesichts des demografischen Wandels und des wachsenden Fachkräftemangel auch nicht zukunftsfähig.

Aus dieser Analyse haben fast alle norddeutschen Bundesländer schon Konsequenzen gezogen. In Hamburg können Eltern ihre Sprösslinge kostenlos betreuen lassen, in Mecklenburg-Vorpommern gibt es einen Krippen-Zuschuss. Dieses Modell lässt sich, anders als von der Koalition erhofft, allerdings nur mit Abstrichen auf Schleswig-Holstein übertragen. Grund ist das außerordentliche Krippen-Klein-Klein zwischen Nord- und Ostsee mit höchst unterschiedlichen Preisen. Ein U3-Vollzeitplatz kostet in Neumünster 211 Euro im Monat, in Kiel 320 und in Reinbek 507 Euro.

Angesichts dieses Preisdickichts wird selbst in der Koalition befürchtet, dass einige Krippenträger die Gunst der Stunde nutzen und mit Gebührenerhöhungen schon vorab einen großen Teil des versprochenen Landeszuschusses abgreifen. Am Ende dürften viele Eltern also nicht mehr Geld in der Börse haben als bisher.

Für eine bessere Alternative gab es im Regierungsbündnis leider keine Mehrheit. Sinnvoll wäre es gewesen, Krippen und Kitas in einem ersten Schritt zu einheitlichen Standards und transparenten Preiskalkulationen zu zwingen und erst in einem weiteren Schritt mit dem Krippen-Zuschuss mehr Geld ins System zu stecken.

Diese Chance ist vertan. Jetzt könnte der größte Wahlkampfschlager von SPD, Grünen und SSW zu einem Rohrkrepierer werden. Schade um das viele schöne Geld, das die Kinder samt Zinsen eines Tages zurückzahlen müssen.

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Ulf B. Christen
Landeshaus-Korrespondent

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Krippengeld vom Staat — und das einkommensunabhängig. Diese Entlastung für Eltern strebt Schleswig-Holsteins Koalition an. Mehr Geld gibt es auch für die Hochschulen und angehende Polizisten.

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