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Ulrich Metschies zu Discount-Öl

Leitartikel Ulrich Metschies zu Discount-Öl

Wenn Deutschland seine Klimaschutzziele erreichen will, brauchen wir mehr erneuerbare Energien und nicht mehr Ölheizungen, billigen Diesel und Braunkohle zum Schleuderpreis.

Doch wer derzeit überlegt, eine Solaranlage aufs Dach zu setzen, in die Nutzung von Erdwärme zu investieren oder gar ein E-Auto zu kaufen, der braucht einen langen Atem und viel Klimaschützer-Elan. Denn die, die nüchtern vor allem die Amortisation ihrer Investition betrachten, die kommen bei den heutigen Heizölpreisen an einer Ölheizung kaum noch vorbei.

Nein, es sind keine guten Zeiten für die Energiewende mehr, fünf Jahre nach Fukushima. Discount-Öl, Netzengpässe, gekappte Fördersätze und wachsender Widerstand gegen immer neue und immer größere Windräder bremsen den Ausbau der Erneuerbaren. Und so beherrscht in diesem Jahr auch eine gehörige Portion Trotz die Eröffnung der „New Energy“ in Husum: „Jetzt erst recht“ lautet das Motto der Hersteller und Projektentwickler.

Doch Trotz reicht nicht, um die Energiewende wieder in Schwung zu bringen. Ohne mutige Weichenstellungen und eine faire Kostenrechnung wird der Kraftakt nicht gelingen. Aber statt mutig zu entscheiden, eiert die Bundesregierung beim Kohleausstieg herum. Und von einem fairem Wettbewerb Wind gegen Kohle sind wir noch immer weit entfernt. Denn die Umwelt- und Klimaschäden, die bei der Nutzung fossiler Energieträger entstehen, finden in den Preisen von Kohle und Öl keinen Niederschlag. Preise aber sind das Navigationssystem der Marktwirtschaft. Und dieses Navi dirigiert uns in die falsche Richtung. Der Ölpreisverfall ist dafür zwar nicht die Ursache, aber er forciert das Tempo, mit dem wir uns derzeit verfahren. Beim Strom sind die Fehlanreize noch am geringsten. Viel stärker belastet die Ölpreistalfahrt den von der Bundesregierung angestrebten Ausbau der Elektromobilität. Bis 2020 sollen eine Million E-Autos über Deutschlands Straßen rollen, derzeit sind es aber nur einige Zehntausend – eine armselige Bilanz für einen Industriestaat, der für sich in Anspruch nimmt, beim Klimaschutz eine Führungsrolle zu übernehmen.

Also mehr Förderung? Das kann nicht die Lösung sein. Mit vielen Milliarden hat der Staat die Erneuerbaren beim Erwachsenwerden unterstützt – und dabei auch Wildwuchs und Übertreibungen gefördert. Nun ist die Zeit für einen Paradigmenwechsel überreif. Es darf nicht länger darum gehen, den Anteil von Wind, Sonne oder Biomasse irgendwie noch ein paar Prozentpunkte hochzukitzeln. Stattdessen muss Deutschland viel mehr Energie und Wissen darauf verwenden, die Erneuerbaren intelligent in die Energienetze einzubinden. Es reicht nicht, dass smarte Netze und Technologien zur Stromspeicherung in den Köpfen unserer Ingenieure existieren. Wir müssen sie auch realisieren. Erst wenn uns das gelingt, kann die Energiewende aus der Sackgasse heraus, in die wir sie hineinsteuern.

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Ulrich Metschies
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