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Uta Wilke zum Gottesbezug

Kommentar Uta Wilke zum Gottesbezug

Die Volksinitiative für einen Gottesbezug in der Landesverfassung hat einen kleinen Sieg errungen. Das Parlament, in der Frage uneins, muss sich mit ihrem Anliegen ein weiteres Mal befassen.

Mehr als 25 000 Unterschriften in 14 Wochen sind – verglichen mit Initiativen in der Vergangenheit zu anderen Themenkomplexen – sehr, sehr viel.

Ein Triumph ist das Ergebnis allerdings nicht. Der Erfolg relativiert sich ein wenig, wenn man bedenkt, dass hinter diesem Projekt die beiden großen Kirchen stehen und mit Peter Harry Carstensen und Björn Engholm gleich zwei ehemalige Regierungschefs wortgewaltig dafür Reklame gemacht haben. Der Ansturm war nicht überwältigend. Deshalb wird auch die nächste Runde im Landtag um das Für und Wider eines Gottesbezugs wahrscheinlich kein Selbstgänger werden. Die Abgeordneten müssen erneut hart ringen.

Trotz der Relativierung gibt es keinen Grund für Nörgelei. Die Initiatoren haben alles richtig gemacht. Sie haben nicht ausgegrenzt und isoliert, keinen Kreuzzug gegen „die anderen“ geführt. Vielmehr haben sie versucht, über die Grenzen von Parteien, Konfessionen und Religionen – Protestanten, Katholiken, Muslime, Juden – hinweg alle Gläubigen anzusprechen.

Doch wie definiert man „Gläubige“ in einer modernen Gesellschaft, die kaum noch über Werte diskutiert und von sozialen Netzwerken diktiert zu werden scheint? Zählen dazu nur die Mitglieder der Religionsgemeinschaften, die zwar immer noch in der Mehrheit sind, aber doch von Tag zu Tag weniger werden? Nein, natürlich muss man auch diejenigen hinzurechnen, die nicht konfessionell gebunden sind und trotzdem an eine „höhere Macht“, an eine „übergeordnete Instanz“ glauben.

Sie alle eint die Auffassung: Das Wissen, der Menschen ist endlich, das Handeln der Menschen hat seine Grenzen. Sich das immer wieder in Erinnerung zu rufen und in einer Präambel festzuschreiben, ist nicht nur mit Blick auf die eigene deutsche Geschichte und andere Diktaturen von Bedeutung. Dies kann auch Maßstäbe für ganz aktuelle politische Diskussionen setzen – sei es über Atomenergie oder Gentechnik.

Doch wo bleiben die Atheisten dabei? Sie verweisen auf die Trennung von Staat und Kirche und sind – zu Recht – davon überzeugt, dass ethisches und moralisches Handeln auch ohne eine Gottesformel und den Glauben an eine höhere Instanz möglich und geboten ist.

Der Landtag steht vor der Aufgabe, die Lager in der weiteren Diskussion zu versöhnen. Anstöße könnte die polnische Verfassung geben, in der von der „Verantwortung vor Gott oder dem eigenen Gewissen“ die Rede ist. Hierin werden „sowohl diejenigen, die an Gott als die Quelle der Wahrheit, Gerechtigkeit, des Guten und des Schönen glauben“, berücksichtigt „als auch diejenigen, die diese universellen Werte aus anderen Quellen ableiten“. Erfolgreich kann der neue Anlauf nur sein, wenn beide Seiten auf Maximalforderungen verzichten und Toleranz walten lassen.

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Ein Artikel von
Uta Wilke
Redaktion Lokales Kiel/SH

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