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Viele Fragen an Kristin Alheit

Leitartikel Viele Fragen an Kristin Alheit

Scheibchenweise kommt immer mehr ans Tageslicht. Nach Angaben von Kindern und Jugendlichen haben ehemalige Friesenhof-Mitarbeiter ihre schwarze Pädagogik einfach auf andere Heimeinrichtungen übertragen – als wäre es das Normalste von der Welt, einem renitenten Minderjährigen eine halbe Stunde lang den Arm zu verdrehen und sich auf seinen Rücken zu setzen.

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Quelle: Ulf Dahl

Als wäre es okay, ihn herabzuwürdigen und von der Gruppe zu isolieren. Ist es aber nicht. Schleswig-Holsteins Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) bringen die neuen Vorwürfe in neue Bedrängnis. Sie muss sich die Frage gefallen lassen, warum sie nicht selbst mit den Erkenntnissen aus Dörpling und Großjörl an die Öffentlichkeit gegangen ist – oder zumindest die Politik im Landeshaus informierte.

In Hamburg jedenfalls, das seine Problemkinder seit Jahrzehnten gern hinaus an die Westküste verschickt und wo Piraten und Linke am Dienstag höchst öffentlichkeitswirksam ihre Vorwürfe platzierten, fasst man den Fall mit spitzen Fingern an. SPD-Sozialsenatorin Melanie Leonhard weiß ganz genau, dass sich ihre Kieler Kollegin und Parteifreundin Alheit gerade mit einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) herumplagt. Da hält man sich als Nachbarin tunlichst heraus, lässt die Angelegenheit unverzüglich an die verantwortliche Stelle in Kiel zurückgeben und taucht ab. Ein Gespräch der beiden Frauen gab es nicht.

Genauso ist es im vergangenen Dezember gelaufen. Sozialarbeiter am Hamburger Hauptbahnhof waren irgendwann hellhörig geworden, nachdem ihnen mehrere Jungen unabhängig voneinander über schlimme Zustände in Schleswig-Holsteins Jugendheimen erzählt hatten. Man sollte sich den Vorgang nicht so vorstellen, als würde sich da ein Erwachsener zum Jugendlichen setzen nach dem Motto „Nun erzähl dem Onkel doch mal“. Erst über viele Wochen entstand beim Tischkickern in der Anlaufstelle am Heidi-Kabel-Platz ein zartes Vertrauensverhältnis. Nur so ist zu erklären, warum die Vorfälle ausgerechnet dort aufploppten. In Kiel gibt es bei der Bürgerbeauftragten für soziale Angelegenheiten seit Neuestem eine sogenannte Ombudsstelle für Heimkinder, was mit Sicherheit, ganz frei von Häme, gut gemeint ist. Für den überwiegenden Teil der betroffenen Kinder und Jugendlichen jedoch, deren Seelen ihr ganzes Leben von Erwachsenen geschunden wurden, dürfte dieses Angebot Lichtjahre entfernt sein.

Bislang musste sich Ministerin Alheit dagegen zur Wehr setzen, dass die Aktenführung in ihrer Behörde dilettantisch war. Sie hatte zu erklären, warum sie dem PUA im vergangenen Juni nur die Kopien zukommen ließ, nicht die Originalakten – und das auch erst einen Tag nach Aufforderung. Jetzt aber geht es wieder um den eigentlichen Kern: Ist ihre Heimaufsicht wirklich in der Lage, jungen Heimbewohnern dieses Landes das Kindeswohl zu garantieren? Sollte der Ministerin das nicht gelingen, wird es für sie allmählich eng.

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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