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Kommentar Stefan Winter zum Totalumbau der Lufthansa

Zehn Euro können auch in einem Milliardenkonzern eine Menge bedeuten – jedenfalls symbolisch. Die Lufthansa bietet von heute an den Tarif „Light“ an, dessen Preisliste auf der Kurzstrecke zehn Euro niedriger beginnt als bisher, der aber kostenfrei nur Handgepäck erlaubt.

Das sagt viel über die Entwicklung der Luftfahrt in den vergangenen zwei Jahrzehnten: Fliegerei ist auf vielen Strecken Alltag mit leichtem Gepäck, zehn Euro machen einen Unterschied, und die Lufthansa muss ihn ernst nehmen.

Solche Tarifmodelle sind bei anderen Airlines längst gang und gäbe, und wenn sie jetzt naserümpfend mit dem Etikett „Billigflieger“ versehen werden, ist das in Wahrheit kein Makel – der Zulauf der Kundschaft gibt diesem Geschäftsmodell schließlich recht. Der Flugmarkt hat sich auf zwei Segmente verteilt: Die Billigflieger mit Rustikalservice zu Kampfpreisen auf der Kurzstrecke und die Nobelklasse mit Lounges und Menüwahl auf der Langstrecke. Die einen machen ihren Gewinn, indem sie jeden Kostenfaktor ausquetschen. Die anderen werden nicht selten – zum Beispiel in den Ölstaaten – subventioniert. Und ob nun Ryanair oder Emirates: Alle sind sie Newcomer und haben sich vom ersten Tag an für ein Modell entschieden.

Die großen alten Namen der europäischen Luftfahrt irren derweil im Mittelfeld herum und versuchen, beim Service ebenso mitzuhalten wie bei den Preisen. Auf diese Art gelingt aber das eine so wenig wie das andere. Praktisch alle haben massive Probleme, so auch die Deutsche Lufthansa. Der Irrflug dauert schon so lange, dass der vom neuen Lufthansa-Chef Carsten Spohr angekündigte Totalumbau die letzte Chance sein dürfte, das Unternehmen in alter Größe zu bewahren. Das von heute an buchbare neue Preissystem ist nur ein kleiner Teil davon. Der Ausbau der Konzerntochter Eurowings zur großen Billigairline gehört genauso dazu wie das Ziel von „Fünf-Sterne-Service“ auf den Langstrecken der Lufthansa. Es läuft auf zwei Passagiersparten in einem Unternehmen hinaus. Das ist auf dem Papier schnell gemalt, in der Realität aber einer der kompliziertesten und riskantesten Konzernumbauten, die derzeit in Deutschland zu besichtigen sind.

Man kann es vergleichen mit dem Umbau der Energiebranche und den Herausforderungen des Finanzgewerbes. Und es ist wohl kein Zufall, dass jetzt gerade jene besonders zu kämpfen haben, denen es in mehr oder weniger geschützten Märkten sehr lange sehr gut gegangen ist. Das ist kein Zustand, in dem die Bereitschaft und Fähigkeit zur Veränderung kultiviert werden. Umso einschneidender sind jetzt bei Eon, Deutscher Bank und eben Lufthansa die Kurswechsel. Lufthanseaten, die angesichts von Billigangeboten der alten Kranich-Seligkeit nachtrauern, sollten anerkennen: Hier haben die Passagiere gesprochen. Die vielen Kunden ohne Koffer haben sicher nichts gegen einen Preisnachlass.

Von Stefan Winter

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