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Ostholstein In die Geschichte geschlüpft
Lokales Ostholstein In die Geschichte geschlüpft
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00:16 17.10.2013
Von Orly Röhlk
Kostüme und Habitus sind beim Ehepaar Grieser immer aufeinander abgestimmt. Quelle: og
Malente

Dort lehrte der Professor für Mittlere und Neuere Geschichte von 1972 bis 2006, organisierte Exkursionen in die DDR, brachte Gewehre und Kostüme mit in den Unterricht und gehörte 1997 zu den Gründern des Vereins La societe baroque, dessen Mitglieder bei den unterschiedlichsten Anlässen tanzen und fechten, Intrigen, Wachablösungen und Garden spielen sowie Lebensart und Kultur vermitteln.

 Alles begann damit, dass seine Studenten ein Seminarfest zum Thema Barock organisierten und teils selbstgenähte Kostüme trugen. Ein Auftritt nach dem anderen folgte, auf Gut Kletkamp, am Plöner Prinzenhaus, in Ludwigslust, im Eutiner Schloss oder auch in Dresden und Leipzig, wo dieser Tage der Völkerschlacht 1813 gedacht wird.

 „Indem man sich verkleidet, kann man sich in andere Völker und Personen hineinversetzen, und indem man feindliche Gruppen gegenüberstellt und in ihre Uniformen schlüpft, kann man sich überlegen, ob sie sich bekriegen mussten“, sagt Grieser. Er möchte Geschichte anschaulich vermitteln und Vorurteile abbauen.

 Einen Schwerpunkt seiner Sammlung und Philosophie sieht der vierfache Vater in den Befreiungskriegen vor 200 Jahren. 1813 kämpften Russen und Preußen gegen Napoleon und wollten Deutschland von den Franzosen befreien. Er sei ein Bewunderer der historischen Person Napoleon und dessen Einfluss auf die deutsche und europäische Geschichte, gesteht der Historiker. Der Feldherr habe am Ende den Grund für seine eigene Niederlage darin gesehen, dass er den Wunsch der Deutschen nach einem einheitlichen Deutschland nicht erfüllte.

 Seine Ehefrau Eva-Brigitte lernte der gebürtige Thüringer Grieser schon in der Schulzeit in Hermannsburg (Lüneburger Heide) kennen. Beide studierten in Freiburg, Hamburg und Kiel, sind seit 1969 verheiratet und leben seit 1971 in Malente. Die 72-jährige studierte Medizinerin engagiert sich heute in der Kirchengemeinde von Malente-Neukirchen und teilt die Leidenschaft ihres Mannes für die Historie. Auf Reisen und bei Auftritten trägt sie ebenfalls wechselnde Kostüme, teils aus dem Theaterfundus, teils maßgefertigt. Manche der Exponate stammen von einem Kostümverleih im Hochsauerland, der vor Jahren seinen Bestand verkaufte.

 „Geschichte hat immer mehrere Wege. Alles wird wiederholt, und man muss sich klar machen, dass es jeweils verschiedene Handlungsmöglichkeiten gibt“, weiß Grieser. Gedankenspiele reizen ihn, und so begann er Anfang der 80er-Jahre einen Briefwechsel mit Erich Honecker, dem Staatsratsvorsitzenden der DDR, und lud ihn nach Kiel ins Historische Seminar der Uni ein. Thema der Briefe war das geteilte Deutschland, und Grieser, der sich einen Staatenbund gewünscht hätte, schrieb Honecker seine Meinung über dessen Buch (Eine deutsche Biographie), das er rezensiert hatte. Der Staatsmann nahm die Einladung jedoch nie an, und Grieser bedauert, ihn nie gesprochen zu haben: „Honecker war grundsätzlich interessiert, aber die große Politik erlaubte es nicht.“

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