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Rendsburg Israel ehrt Rendsburger Erich Mahrt
Lokales Rendsburg Israel ehrt Rendsburger Erich Mahrt
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14:32 03.11.2017
Das Bild zeigt das Ehepaar Wally und Erich Mahrt mit ihrem gemeinsamen Sohn in Berlin 1947. Erich Mahrt (1910-1988), der aus Rendsburg stammte, wurde jetzt von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als erster gebürtiger Schleswig-Holsteiner posthum mit der Auszeichnung "Gerechter unter den Völkern" geehrt, weil er während des NS-Regimes seine jüdische Verlobte Wally in Berlin versteckt und so ihr Leben gerettet hatte. Quelle: Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen, Archiv Jüdisches Museum Rendsburg/dpa
Rendsburg

Fast sechs Millionen europäische Juden haben die Nazis umgebracht, zu den wenigen Überlebenden gehörte Wally Gortatowski (1910- 1979) aus Rendsburg. Ihr Verlobter und späterer Ehemann Ehrich Mahrt (1910-1988), ebenfalls aus Rendsburg, versteckte sie seit dem 1. Dezember 1942 - dem Tag, an dem Wally den Deportationsbescheid nach Auschwitz für den 9. Dezember erhielt. Zu diesem Zweck hatte er vorsorglich bereits im Juni 1942 ein Gartenhäuschen in der Laubenkolonie „Gemütlicher Hase“ in Berlin-Hohenschönhausen angemietet.

Jetzt hat die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Erich Mahrt zum „Gerechten unter den Völkern“ erklärt - ein Ehrentitel für nichtjüdische Menschen, die ihr Leben riskierten, um Juden zu retten. Weltweit sind es bisher etwa 26000 Menschen aus mehr als 50 Ländern. Einer der berühmtesten „Gerechten“ dürfte der aus dem Sudetenland stammende Unternehmer Oskar Schindler sein, der mit seiner Frau rund 1200 bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiter rettete. Rund 600 Männer und Frauen aus Deutschland wurden schon als „Gerechte“ geehrt. Erich Mahrt ist aber der erste gebürtige Schleswig-Holsteiner, der diese Anerkennung erhält - posthum, denn Mahrt starb 1988.

Außergewöhnliche Liebesgeschichte

„Es dürfte eine außergewöhnliche Liebesgeschichte gewesen sein“, sagte die frühere Museumsleiterin Frauke Dettmer am Freitag in Rendsburg über die Beweggründe und den Mut Mahrts. Dettmer hatte bereits 2006 den Antrag, Mahrt als „Gerechten“ zu ehren, in Yad Vashem gestellt. Dass es so lange dauerte, dafür hat der heutige Museumschef Carsten Fleischhauer eine einfache Erklärung: „Yad Vashem prüft sehr gründlich, die Fakten müssen stimmen. Insofern ist es auch eine Anerkennung unserer Archiv- und Forschungsarbeit.“

Das Leben der aus völlig unterschiedlichen Schichten stammenden Liebenden in der Nazizeit war von Verfolgung und Repressalien für beide geprägt. Die beiden Rendsburger lernten sich um 1930 kennen. „Erich stammte aus einer Arbeiterfamilie, er war Elektriker bei der Reederei Hamburg Süd, KPD-Mitglied und auch nach 1933 illegal politisch für die Kommunisten aktiv“, berichtete Dettmer. 1933 wurde Mahrt zeitweilig in Schutzhaft genommen.

Wally überlebte als einzige der Familie

Wally stammte aus einer angesehenen jüdischen Familie in Rendsburg. Ihre Eltern besaßen ein florierendes Textilgeschäft, das in der Nazizeit aber notgedrungen verkauft werden musste. Seit Mitte der 1930er Jahre musste Wally als Verkäuferin arbeiten, nachdem keine nichtjüdischen Angestellten mehr beschäftigt werden durften. Als der Verfolgungsdruck des NS-Regimes stärker wurde, zog Wally mit Verwandten zunächst nach Itzehoe, 1939 dann nach Berlin. „Als einzige der Familie hat in Berlin am Ende Wally überlebt“, sagte Dettmer.

Anfang 1940 gab Erich seinen Posten bei der Reederei in Hamburg auf und zog nach Berlin, wo er bei einem „kriegswichtigen“ Betrieb als Elektriker Anstellung fand. Aus gesundheitlichen Gründen war er nicht zur Wehrmacht eingezogen worden, weil er nierenkrank war und zudem vor der Musterung Seife gegessen hatte. Wally, als Jüdin ab 1940 zur „Pflichtarbeit“ zwangsverpflichtet, arbeitete in Berlin für Siemens.

Mitwisserin hielt still

In der Laube habe Wally bis Kriegsende „vegetiert“, sagte Dettmer. Sieben Zähne verlor sie und litt unter massivem Untergewicht. Bei Bombenangriffen suchte die junge Frau in einem Erdbunker, der eigentlich zum Einlagern von Gemüse gedacht war, Schutz. „Sie war praktisch ausschließlich auf die Hilfe von Erich angewiesen, für den Notfall hatte sie eine Pistole, um ihrem Leben ein Ende setzen zu können“, sagte Dettmer. Mitwisserin war die Vermieterin der Laube. „Sie hatte Schiss, aber sie hat nichts gesagt“, so Dettmer. Eine Entdeckung hätte auch Mahrt vermutlich das Leben gekostet.

Rund 6000 Juden versuchten in Berlin in der Kriegszeit unterzutauchen, aber nur etwa 1000 haben überlebt. Zu ihnen gehörte auch der ZDF-Quizmoderator Hans Rosenthal, der als Jugendlicher wie Wally in einer Berliner Laube den Krieg überstand. „Es war, wie Rosenthal (1925-1987) in seinen Erinnerungen schrieb, ein Leben wie im Gefängnis“, sagte Dettmer.

Heirat im Juli 1945

Kurz nach Kriegsende heirateten Wally und Erich im Juli 1945. 1946 wurde der einzige Sohn geboren. „Weil Wally unschöne Erfahrungen mit russischen Soldaten gemacht hatte, zog das Paar von Ost- nach West-Berlin und 1949 nach Rendsburg“, so Dettmer. Von dort aus wanderte das Paar nach Argentinien aus, wo Mahrt als Elektrotechniker arbeitete. Im Rentenalter kam das Ehepaar 1976 nach Rendsburg zurück. 1979 nahm sich Wally das Leben.

„Erich Mahrt hat das als persönliches Versagen empfunden, denn er hatte Wally ein Leben bis zum natürlichen Tode ermöglichen wollen. Wally war offensichtlich schwer traumatisiert geblieben“, sagte Dettmer. Mit einer Gedenkveranstaltung am 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht gegen die Juden in Deutschland im Jahre 1938, wird das Jüdische Museum Rendsburg an den mutigen Elektriker erinnern. Im Vergleich zu anderen Regionen in Deutschland gab es im Norden weniger Juden, daher ist es laut Fleischhauer naheliegend, dass mehr „Gerechte“ in anderen Regionen geehrt wurden: „Es kann auch weitere schleswig-holsteinische Helden wie Erich Mahrt gegeben haben, von den wir aber mangels Unterlagen nie etwas erfahren werden.“

Von dpa

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