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Rendsburg Kostbare Bilder wieder entdeckt
Lokales Rendsburg Kostbare Bilder wieder entdeckt
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18:26 07.01.2013
Von Torsten Müller
Ortschronististin Gerlind Lind recherchierte die Herkunft der verdeckten Bilder an der Empore der Flemhuder Kirche. Quelle: TM
Quarnbek

„Es sind vermutlich seine letzten und einzig erhaltenen religiösen Arbeiten“, sagt Ortschronistin Gerlind Lind. Mißfeldt malte den Zyklus im Sommer 1947 in Flemhude. Im vergangenen Jahr hatte das Kieler Stadtmuseum das Werk des in Kiel geborenen Künstlers mit einer Ausstellung im Warleberger Hof gewürdigt: „Ein Maler zwischen Moderne und Tradition“. Nach Recherchen Linds stammte Mißfeldts Familie aus Flemhude: Der Großvater arbeitete dort als Totengräber; der Vater wurde in der ehemaligen Räucherkate geboren. Das reetgedeckte Fachwerkhaus diente dem auch als „Maler vom Westensee“ bekannten Künstler mehrmals als Motiv.

 „Mißfeldt ist in der Malerei seinen eigenen Weg gegangen“, sagt Lind. Die Wurzeln der Heimat sowie die Beziehung Mensch-Natur seien für ihn wichtig gewesen. Obwohl er 1933 in die NSDAP eintrat und Aufträge des Regimes erhielt, habe er dieses nicht bedient, ist Dr. Telse Wolf-Timm, Kunsthistorikerin, überzeugt. Mißfeldt arbeitete früh auch in Kieler Kirchen: 1909 in der St.-Heinrich-Kirche, später in der Luther-Kirche am Schrevenpark und in der St.-Jürgen-Kirche am Bahnhof. „Alle Malereien sind durch den Krieg oder anschließenden Abbruch vernichtet“, sagt die Quarnbeker Chronistin. Selbst die erst 1946 begonnene Malerei im Gemeindesaal von Jakobi-West in der Eckernförder Straße fiel einem Umbau zum Opfer.

 Nur die sakralen Arbeiten in Flemhude gibt es offenbar noch: neun Bildtafeln mit der Auferstehung Jesus sowie Propheten- und Apostel-Darstellungen; zudem zwei Texttafeln. Lind fand heraus, dass der von Mißfeldt auf die Kassetten der Empore gemalte Bilderzyklus am 21. September 1947 feierlich präsentiert worden war: vor 440 Gottesdienstbesuchern und mit einer Predigt des damaligen Bischofs Halfmann. Auch Kirchenpatron Theodor Milberg sprach. „Unmittelbar nach dem Krieg symbolisierten die Bilder eine Rückbesinnung auf die Grundlagen des Glaubens“, ist sich Lind sicher.

 15 Jahre später war die Begeisterung offenbar verflogen. Mißfeldts Arbeiten verschwanden aus der sichtbaren Welt. Erst im Jahr 2000 waren diese bei Sanierungsarbeiten in der Kirche für einen kurzen Moment wieder sichtbar. Zum Glück drückte ein Hobbyfotograf auf den Auslöser. „Sonst wäre das Vorhandensein der Bilder gar nicht bekannt“, mutmaßt Lind.

 Doch warum wurden Mißfeldts Arbeiten vor 50 Jahren verdeckt? Die Chronistin kann darüber nur spekulieren: „Sie entsprachen wohl nicht mehr dem theologischen Zeitgeschmack.“ Zudem könnte nach ihrer Einschätzung dabei auch der umstrittene Pastor Theodor Pinn eine Rolle gespielt haben. Er war nicht nur bei Mißfeldts Malerei, sondern auch in der Nazi-Zeit Seelsorger in Flemhude gewesen. Als Mitglied der Bekennenden Kirche in Berlin geriet er in Konflikt zu den Nationalsozialisten und wurde mehrmals verhaftet; 1937 musste er Flemhude verlassen. „1946 kam er auf seine alte Stelle zurück, aber er konnte nur bis 1948 bleiben“, weiß Lind. Er wurde als Hilfsgeistlicher nach Kiel St.Nikolai versetzt.

 Doch wie soll die heutige Kirchengemeinde mit dem verborgenen Mißfeldt-Erbe umgehen? Eine Antwort gibt es noch nicht – auf der Empore wird gerade die Orgel erneuert. „Wir wollen zunächst die Gespräche mit Fachleuten abwarten“, sagt Birgit von Brandis vom Kirchengemeinderat.

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