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Segeberg Fakten und Anekdoten zu 1945
Lokales Segeberg Fakten und Anekdoten zu 1945
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08:00 27.11.2015
Von Michael Stamp
Auf dem Marktplatz hielt am 3. Mai 1945 der englische Kommandant eine Ansprache, die ins Deutsche übersetzt wurde. Kernpunkte: Der 2. Weltkrieg ist in Bad Segeberg vorbei. Wer sich an die Anweisungen der Briten hält, hat nichts zu befürchten. Waffen, Fotoapparate, Ferngläser und Autos sind abzugeben.
Bad Segeberg

Wer die Treppe zum 1. Stock des Rathauses hinaufsteigt, läuft auf vergilbte Zeitungen zu. Gedruckt wurden sie im Frühjahr 1945, als in Deutschland niemand mehr an den versprochenen „Endsieg“ glaubte. Dennoch wurde dort in großen Lettern mitgeteilt, wie das deutsche Volk angeblich steht: „In unerschütterlicher Treue zum Führer“. Wenig später dann in noch größerer Aufmachung: „Unser Führer gefallen“.

 Bad Segeberg habe rund um das Kriegsende „drei Mal Glück gehabt“, sagt Peter Zastrow. Erstens, weil nicht die russische Armee in den Ort einfiel, sondern eine Westmacht. „Dabei standen die Russen schon kurz vor Lübeck.“ Zweitens, weil es die Engländer waren, die als Kolonialmacht Erfahrung darin hatten, auf die Schnelle neue Strukturen zu schaffen. „Und drittens, weil die Erwachsenen und die Jugendlichen die Bestrebungen zur Demokratisierung angenommen und umgesetzt haben.“

 Doch solche abstrakten Überlegungen und Fragestellungen bilden nur das zeitpolitische Gerüst der Ausstellung. Der Mörtel zwischen den historischen Mauersteinen besteht, wie bei Zastrow und Baurycza üblich, aus allerlei seltenen Bildern, Fakten und Anekdoten aus Bad Segeberg. Wer den Weg zum Bürgersaal im Rathaus entlanggeht, erlebt dramatische Wochen deutscher Geschichte im Schnelldurchlauf – und zwar so, wie sich die Geschichte quasi vor der Haustür abspielte.

 Schon vor Kriegsende strömten Millionen von Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten nach Westen. In Bad Segeberg wurde versucht, die Flüchtlinge auf die umliegenden Dörfer zu verteilen. „Geschichte wiederholt sich“, sagt Zastrow vor dem aktuellen Hintergrund.

 Doch auch hier würzt eine Anekdote die Ausstellung. Anfang Mai 1945 wurden Flüchtlinge in die Dahlmannschule eingewiesen. Regulärer Unterricht fand zu jener Zeit ohnehin nicht mehr statt. In der Schule entstand schnell ein ungewöhnliches Problem: Es gab kein Toilettenpapier mehr. „So griffen die Verantwortlichen auf die Lehrerbibliothek zurück und stellten sich die Frage: Was nehmen wir heute?“, schildert Zastrow vergnügt. „Man war sich einig: Beginnen wir mit den Philosophen...“

 Die beiden Heimatforscher erzählen von der beinahe gesprengten Eisenbahnbrücke über der heutigen Bundesstraße 206; ein Polizist konnte die Zerstörung mit gezogener Waffe in letzter Minute verhindern, als die Sprenglöcher schon gebohrt waren. Die Ausstellung berichtet vom stellvertretenden Bürgermeister August Marxen, der die Stadt ordnungsgemäß an die Engländer übergab und hinterher auf dem Marktplatz stand, um seine Mitbürger darauf einzuschwören, keinen Widerstand zu leisten, sondern einen friedlichen Übergang zu ermöglichen. Und geschildert wird, wie verstört manche Jugendliche waren, als sie die angeblich so tapferen deutschen Soldaten in im wahrsten Sinne des Wortes heil-loser Flucht erlebten.

 Darüber hinaus können die Besucher der Ausstellung allerlei Original-Dokumente bewundern. Dazu zählen die erste Bekanntmachung der Engländer an die Bad Segeberger Bevölkerung, Lebensmittelmarken und Entnazifizierungsdokumente, auf denen man 110 Fragen zu seiner persönlichen Rolle im Dritten Reich beantworten musste. Auch ein Berechtigungsschein für ein Paar Schnürsenkel und die Entlassungsurkunde des damaligen Rathaus-Lehrlings und späteren Büroleiters Ernst Reher sind dabei.

 Weil sich niemand all die Fakten der Ausstellung merken kann, gibt es sämtliche Schrift- und Bildbeiträge in Form eines handlichen DIN-A-5-Heftchens zum Mitnehmen - und zwar kostenlos.

 Reizvoll ist auch, sowohl die Siegesfeier der Engländer im heutigen Freilichttheater am Kalkberg als auch das große Flüchtlingslager an der Ziegelstraße in bewegten Bildern zu sehen. Aus dem Weltkriegs-Archiv in London wurden Filmdokumente besorgt, die auf einem Fernseher inmitten der Ausstellung abgespielt werden.

 Gezeigt wird die Schau bis zum 31. Dezember. Wer die Geschichten nicht nur lesen, sondern auch hören will, hat dazu am Mittwoch, 9. Dezember, ab 19.30 Uhr Gelegenheit. Dann hält Peter Zastrow im Bürgersaal des Rathaus einen Vortrag über das Kriegsende in Bad Segeberg. Der Eintritt ist frei.

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