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Segeberg Hortensien-Klau geht wieder um
Lokales Segeberg Hortensien-Klau geht wieder um
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06:00 21.12.2013
Von Petra Stöver
Die älteren verholzten Stiele wurden aus der Mitte der Pflanze geschnitten, die jungen Triebe ließen die „Trieb-Täter“ in Stipsdorfer Gärten stehen.
Kreis Segeberg

Spekuliert wird über Diebe, die Hortensien als billigen Marihuana-Ersatz rauchen, im Internet kursieren Geschichten über den „Blumen-Joint“. Auch anderenorts im Kreisgebiet empören sich Gartenfreunde wegen des mysteriösen Treibens - und die Fantasie treibt Blüten. Die Polizei spricht von Einzelfällen.

 Immer nachts verschwinden Teile der Pflanzen, die im Sommer so hübsch bunt blühen. Nicht der ganze Busch wird ausgegraben, sondern aus der Mitte der Pflanze werden Stiele herausgeschnitten. In Stipsdorf scheinen die Täter eine Vorliebe für ältere verholzte Teile zu haben, mehrere junge Triebe ließen sie stehen.

 „Vielleicht wollen sie ja noch mal wiederkommen“, befürchtet Karin Nevermann (82) und zeigt auf eine arg gerupfte Hortensie. Viele glatte scharfe Schnitte sind zu sehen, auch an zwei weiteren Sträuchern. „Die hatten eine gute Schere dabei“, meint sie. Keineswegs hätten Tiere das zustande gebracht; sie schließt hungrige Rehe als Verursacher aus. Bei der Nachbarin gegenüber: ein ähnliches Bild.

 Als ältere Stipsdorfer gemütlich beim Adventskaffee der Gemeinde beisammen saßen, erzählte die 82-Jährige von ihren Beobachtungen. Danach nahmen andere Senioren ihre Sträucher genau in Augenschein und stellten dasselbe Malheur fest. In jeder Ecke des Dorfes wurden Hortensien beschnippelt. Unheimlich und beängstigend finden es vor allem Frauen. Weil fast jedes fünfte Gartengrundstück betroffen ist, teilt Bürgermeister Thomas Westphal die Sorgen der Einwohner. Unternehmen, wie von Senioren gefordert, könne die Gemeinde aber nichts: „Wir haben ja keine Nachtwächter mehr.“

 Inge Thöne meint, dass die zwielichtigen Hortensien-Fans mehrmals in ihrem Garten zugeschlagen hätten, weil in zwei Nächten ihre Hunde wütend knurrten. Tags drauf fand sie mehrere gekappte Gewächse. Beklemmend zumute ist einer Endfünfzigerin, die auch auf ihrer geschützten Terrasse und in einem Schuppen abgezwickte Pflanzen fand. Rosemarie und Erich Westphal stehen entsetzt vor einer 15 Jahre alten Hortensie, die radikal gekürzt wurde. Seit sie in dem Haus wohnen, hat sie jedes Jahr geblüht. Ob sie sich jetzt noch einmal erholt?

 Wie und wann wurden die Pflanzen gekürzt? Wer wusste, wo Hortensien stehen und stieg auch über Zäune oder öffnete Türen? „Dass wir uns jetzt schon über die Vorgehensweise von Ganoven Gedanken machen“, irritiert einen Stipsdorfer. Seine Meinung: „Im Sommer wird ausbaldowert, im Winter wird geerntet.“ Sie alle haben ein mulmiges Gefühl im Bauch, weil Fremde in ihre Privatsphäre eingedrungen und Eigentum beschädigt haben.

 „Dass nachts jemand durch meinen Garten schleicht“, beunruhigt auch Burckhard Saldsieder aus dem Timm-Kröger-Weg in Bad Segeberg. Die Hortensien auf seinem Grundstück sind von der Straße aus gar nicht zu sehen. Nachdem zwei Büsche gekappt wurden, hat er - anders als die meisten Stipsdorfer - die Polizei eingeschaltet. Anzeige wegen Hortensien-Klaus hatte auch Silke Hentschel aus Damsdorf vor Jahren schon mal erstattet, aber Täter seien nie ermittelt worden. Schon „seit Jahren“ wird ihr abgelegenes Grundstück heimgesucht, erzählt sie, vor wenigen Tagen wurden aus einer großen Hortensie über 30 Zweige geklaut.

 Silke Westphal, Presseprecherin der Polizeidirektion Bad Segeberg, muss immer mal wieder Medienanfragen zum Hortensien-Klau beantworten. Sie spricht von Einzelfällen, geht allerdings von einer „sehr hohen Dunkelziffer“ aus, weil solche Delikte kaum angezeigt würden. Wenn, dann ermittele die Polizei wegen Diebstahls. Bislang erfolglos. Er könnten ja auch Rehe gewesen sein, sagt sie.

 Das will Dr. Volker Hentschel, als Tierarzt und Vorsitzender der Segeberger Kreisjägerschaft Experte auf dem Gebiet, nicht ganz ausschließen, er hält allerdings nicht viel von dem Verdacht. Die Tiere hätten dann ja Spuren hinterlassen, die der Waidmann aber nirgends entdecken konnte. Für Hentschel wie für die meisten Stipsdorfer ist die Erklärung plausibel, dass „Blumenkiffer“ die Gärten abräumen.

 Allerdings kann Kreisapotheker Dr. Michael Noack „keine vernünftige Erklärung“ geben, warum ausgerechnet Hortensien als Ersatz für Marihuana herhalten sollten. Weder aus pharmazeutischer noch aus medizinischer Sicht gebe es für die Nutzung als Droge Anhaltspunkte. Vielmehr warnt er, ebenso wie Silke Westphal, vor dem Konsum. Denn beim Rauchen könne Blausäure als gefährliches Nervengift freigesetzt werden. Bei der Giftinformationszentrale-Nord in Göttingen wurden bislang Hortensien-Vergiftungen nicht gemeldet: „Das deutet darauf hin, dass diese Pflanze nicht in nennenswertem Umfang als Droge konsumiert wird.“

 Es bleibt also mysteriös.

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