Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Segeberg Inklusion ist das Zauberwort
Lokales Segeberg Inklusion ist das Zauberwort
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
05:50 21.08.2013
Von Sylvana Lublow
Göntje Braren, Leiterin der Franz-Claudius-Grundschule und Förderzentrum, in einer dritten Integrativ-Klasse. Langzeitklassen gibt es an der Schule nicht mehr.
Bad Segeberg

Göntje Braren, Leiterin der Grundschule und des Förderzentrums in der Südstadt, sieht das inklusive Lernen nicht unkritisch: Es funktioniere nur unter den richtigen Rahmenbedingungen.

 Inklusion ist seit einiger Zeit das Zauberwort, wenn es um Menschen mit Behinderungen geht - auch bei Kindern mit Lernbehinderung, was mittlerweile „Förderschwerpunkt Lernen“ heißt. In der Praxis sieht das so aus, dass im Förderzentrum der Franz-Claudius-Schule seit sechs Jahren keine Langzeitklasse mehr eröffnet wurde. Diese Klassen seien ein gutes Modell gewesen, um es den betreffenden Kindern zu ermöglichen, die Grundschule in maximal sechs statt in vier Jahren zu absolvieren, sagt Schulleiterin Göntje Braren. „Dabei haben wir regelmäßig überprüft, ob die Kinder auch in eine normale Klasse umgeschult werden können“, erklärt die Pädagogin. Nach der Grundschule konnte dann gemeinsam mit Eltern und Lehrern entschieden werden, welche weitere Förderung nötig ist.

 Damit ist nun Schluss. Alle Kinder sollen unter den gleichen Bedingungen beschult werden. Es gibt keine „Sonderklassen“ mehr. „Die Landesregierung hat den Anspruch, inklusiv zu arbeiten“, sagt Braren. Im Klartext bedeutet das, dass die Sonderschullehrer des Förderzentrums in allen sechs Grundschulen des Schulverbands Segeberg präsent sein müssen. „Allein dadurch konnten wir die Langzeitklassen personell nicht mehr versorgen.“ Das Förderzentrum ist für sechs Grundschulen und zwei Gemeinschaftsschulen verantwortlich, außerdem noch für 21 Kitas und die Außenstelle Leezen mit einer Grund- und einer Gemeinschaftsschule. In allen Schulen gibt es Integrativ-Klassen. In diesem Schuljahr werden insgesamt 110 Kinder mit Förderschwerpunkt Lernen von 20 Sonderschulpädagogen betreut. „Jedem Kind stehen zwei Stunden pro Woche zu; das ist meiner Meinung nach zu wenig“, sagt die Schulleiterin.

 Inklusiv arbeiten sei für viele Kinder ein guter Weg, ist sich die Pädagogin sicher. „Aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen, um in den Schulen gemeinsam unterrichten zu können.“ Mehr sonderpädagogisches Personal mit einem hohen Fachwissen in Diagnostik, Beratungskompetenz und Erfahrungen im Unterrichten sei von Nöten. Statt zwei Stunden in der Woche wäre eine tägliche sonderpädagogische Betreuung der Kinder das Beste. „Doch dafür fehlt leider das Geld“, weiß Braren, die froh ist, dass dem Förderzentrum wenigstens keine Stunden gestrichen wurden. Sie weiß auch, dass eine noch engere Zusammenarbeit mit den Regellehrern sehr gut klappen würde: „Ich ziehe meinen Hut vor den Lehrern, die unseren Auftrag mit so viel Engagement umsetzen. Das ist eine große Herausforderung.“

 Doch mit der Grundschulzeit endet das Dilemma längst nicht. Ein Großteil der Grundschüler mit Lernschwäche besucht danach eine Integrativ-Klasse an der Gemeinschaftsschule. Nur noch wenige gehen in Förderschulen. Dieses Schuljahr sind gerade einmal zwei Schüler in die 5. Klasse der Franz-Claudius-Förderschule eingeschult worden. Und das liegt nicht am fehlenden Bedarf. „Die Eltern entscheiden, auf welche Schule ihr Kind geht“, nennt Göntje Braren den Hauptgrund. „Dieses Problem gibt es landesweit. Nur noch wenige Förderzentren haben Schüler vor Ort.“ Letztlich ist es aber auch genau das, was die Regierung will - denn Förderschulen widersprechen der Inklusion.

 Doch Göntje Braren bricht eine Lanze für die Schulform, die immer mehr zum Auslaufmodell wird. „Die Förderschule hat zu Unrecht einen schlechten Ruf. Ich würde mir wünschen, dass vor allem die Eltern erkennen, was wir hier bieten.“ Im Förderzentrum werden die Schüler praxisorientierter unterrichtet. Betriebsbesichtigungen und Praktika gehören dazu. „Die Schüler werden bei uns zu selbstbewussten, freundlichen und arbeitsbereiten jungen Menschen erzogen. Deshalb nehmen die Betriebe gerne Praktikanten unserer Schule auf.“

 Einen Förderschulabschluss machen die Kinder mit Förderschwerpunkt übrigens auch an der Gemeinschaftsschule - nur der Zeugnis-Kopf ist dann ein anderer.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige