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Segeberg Kellerkind: Das geheime Gutachten
Lokales Segeberg Kellerkind: Das geheime Gutachten
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13:19 03.11.2012
Von Michael Stamp
Landrätin Jutta Hartwieg und Kreisjugendamtsleiter Georg Hoffmann haben nach dem Fall von Kindesmisshandlung am Bussardweg personelle Konsequenzen für nicht nötig gehalten. Quelle: Michael Stamp

Abgeordnete des Segeberger Kreistages und Mitglieder des Hauptausschusses haben vergeblich versucht, an das unzensierte Gutachten im „Fall Bussardweg“ zu gelangen. Landrätin Jutta Hartwieg lehnt die Herausgabe des vollständigen Dokuments mit Hinweis auf den Datenschutz nach wie vor ab. KN-online liegt das brisante Werk vor.

Die Rekonstruktion des Falles wirft immer neue Fragen auf. Seit Juli 2005 hatte das Jugendamt mit der betroffenen Familie zu tun – und trotz haarsträubender Erziehungsmethoden und verweigerter Hilfe wurden drei von sechs Kindern in der Familie gelassen. 70 Seiten umfasst die Ausarbeitung des Berliner Erziehungswissenschaftlers Prof. Reinhart Wolff. Der 73-Jährige hatte das Segeberger Jugendamt von Fehlern im „Fall Bussardweg“ weitgehend freigesprochen (wir berichteten). Ebenso mahnte der renommierte, aber auch umstrittene Experte dringend an, die Mitarbeiter des Jugendamts fortzubilden und speziell im Umgang mit widerspenstigen, ablehnenden Familien zu schulen.

Wolff schreibt: „Lebensbedrohliche Kinderschutzfehler entstehen aber nicht nur, weil eine einzelne Fachkraft unaufmerksam, überfordert, ausgebrannt, vergesslich oder schlecht ausgebildet ist, sondern Fehler sind immer auch systemisch gedingt“. Das heißt: Es haben nicht zwingend einzelne Mitarbeiter versagt – sondern gleich das gesamte im Segeberger Jugendamt verwendete Hilfesystem. Wolff: „Die im Fallprozess tätigen Fachleute folgen den in der Kinder- und Jugendhilfepraxis gängigen (allerdings nicht besten) methodischen Handlungsansätzen.“ Es gebe Schwächen in der Diagnose und in der Anamnese – also beim Erforschen der familiären Situation.

Hochinteressant ist, welche Textstellen den Kreispolitikern vorenthalten werden. So sind auch Stellen geschwärzt worden, an denen keine Verletzung des Datenschutzes erkennbar ist – zum Beispiel bei mehreren Hinweisen, dass Nachbarn das Jugendamt aufgrund von alarmierenden Beobachtungen eingeschaltet haben.

So erfahren die Politiker nicht, dass bei den ersten Kindern der Familie schon im Juli 2005 eine Verwahrlosung festgestellt wurde – und dass es „verbal massive Bedrohungen“ gegenüber den Kleinen gegeben hat. Im August desselben Jahres sahen Nachbarn „körperliche Gewalt der Kindesmutter und der Großmutter“ an der ältesten Tochter. Nur der knappe Stichpunkt „weiterer Hausbesuch des Jugendamtes“ ist hier für alle Kreispolitiker zu lesen.

Es geht im selben Stil weiter. Für den Dezember 2008 steht im Gutachten die unscheinbare Notiz: „Die Eltern werden vom Jugendamt gebeten, die neue Sachbearbeiterin zu empfangen, da es einen Zuständigkeitswechsel im Jugendamt gegeben hat. Die Eltern öffnen nicht die Tür.“ Die nächsten Sätze sind geschwärzt – und verraten viel mehr über das, was zu diesem Zeitpunkt in der Familie los war: „Kinder berichten im Hort der Schule von körperlicher Gewalt, die sie von Seiten der Eltern erfahren hätten; Erzieherinnen berichten, dass die Kinder von ihren Eltern massiv verbal abgewertet werden.“ Auch das durften die Politiker nicht lesen.

 Ebenso sind die Umstände der Entdeckung des dreijährigen Jungen in dem dreckigen Keller („unbekleidet und eingesperrt“) und mehrere relevante Gerichtsentscheidungen gestrichen – zum Beispiel die Tatsache, dass das Oberlandesgericht Schleswig in seiner Entscheidung vom August 2010 das Aufenthaltsbestimmungsrecht, die Gesundheitsfürsorge und das Recht auf Antragstellung für die fünf bis dahin geborenen Kinder dem Jugendamt zugeschlagen hat. Damit hätte das Amt die Kinder schon damals aus der Familie holen können. Das unterblieb jedoch.

 Die Gründe dafür versteht man umso weniger, wenn man sich die – ebenfalls vertrauliche – Fallrekonstruktion anschaut. Wir nennen hier weder die Namen noch die Adresse der jeweiligen Wohnsitze der Familie, sondern beschränken uns auf die Erkenntnisse, die das Jugendamt hatte – und dennoch am Ende nicht konsequent eingriff. Das lässt sich nämlich nicht mit den häufig als Rechtfertigung vorgebrachten Personalengpässen erklären.

Warnungen gab es genug – sowohl von Nachbarn als auch von Schule und Hort. Im September 2005 sind „starke Schläge der Großmutter ins Gesicht der älteren Tochter“ aktenkundig. Auch eine mangelhafte Ernährung wird angesprochen. Der Vater wischt all das vom Tisch. Er selbst sei in seiner Kindheit mit Bambusstöcken und Tennisschlägern verprügelt worden. Kleinere körperliche Züchtigungen „schaden nicht“, behauptet er – im Übrigen wolle er „über den Mist“ nicht reden.

Wiederholt gibt es Berichte über Schläge der Großmutter. Auch die Kriminalpolizei wird von Nachbarn wegen Misshandlung Schutzbefohlener eingeschaltet. Die Familie wird von der Staatsanwaltschaft aufgefordert, familientherapeutische Hilfe anzunehmen. Was daraus geworden ist, kann beim Jugendamt nicht mehr nachvollzogen werden. „Hierzu gibt es keine genaueren Akteneinträge“, schreibt Gutachter Wolff. Ebenso fehlen Vermerke über einen Besuch eines vom Jugendamt bestellten freien Trägers zusammen mit einer Lehrerin.

An das spätere Schicksal des dreijährigen Jungen erinnert, dass eine Tochter schon im August 2006 unter „entwürdigenden Erziehungsmaßnahmen“ litt. In der Schule war bekannt geworden, dass das Kind wiederholt in seinem Zimmer eingesperrt wird – mit einem Topf als Toiletten-Ersatz. Die jetzt vom Gutachter festgestellte Abwehrhaltung der Eltern war bereits im Juli 2007 von einem Privatunternehmen diagnostiziert worden. Das Wohl der Kinder könne „nicht sichergestellt“ werden. Fazit der Betreuer: Die vom Jugendamt gestellten „Hilfen reichen zur Gefahrenabwendung nicht aus“.

Später wird eine „auffällige, mangelhafte Körperhygiene der Kinder“ entdeckt; besonders die älteste Tochter leidet unter psychischen Attacken ihrer Eltern. Sie wird unter anderem als „Miststück“ bezeichnet – im Beisein ihrer Hortgruppe. Die Eltern vergessen zudem den Geburtstag ihrer dritten Tochter.

Als die Älteste mit Gesichtsverletzungen auffällt, behauptet sie, sich diese bei der versuchten Reparatur eines Kleiderschranks zugezogen zu haben. Später führt sie blaue Flecken im Gesicht auf einen angeblichen Treppensturz zurück. Das Jugendamt stellt fest, die Kinder seien „gesundheitlich und seelisch gefährdet und gerieten zunehmend in die soziale Isolation“. Es häufen sich Berichte über Gewalt. Der Vater stößt die Älteste auf einen Stuhl, worauf sie eine stark blutende Nase davonträgt. Die dritte Tochter berichtet von einem Stoß mit einer Schranktür, von Schlägen mit einem Knüppel und dass sie häufig eingesperrt wird.

Es dauert aber noch bis zum Juni 2010 – also mehrere Jahre – bis drei Kinder aus der Familie geholt werden – trotz diverser abgesagter Hilfetermine und der Weigerung, mit dem Jugendamt zusammenzuarbeiten.

Selbst eine ganze Zeitungsseite würde nicht ausreichen, um das amtlich dokumentierte Leid der Kinder aufzulisten. Daher ist die mündliche Einschätzung des Gutachters Wolff, er persönlich hätte die Lütten schon viel früher aus der Familie geholt, eine nachvollziehbare Konsequenz – und nun können auch die Kreispolitiker ansatzweise verstehen, warum es so hätte sein sollen.

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