Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Segeberg Landrat zur NS-Zeit: Ein Angepasster
Lokales Segeberg Landrat zur NS-Zeit: Ein Angepasster
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:00 08.11.2013
Von Petra Stöver
Die „Ahnengalerie“ der Segeberger Landräte im Kreishaus in Bad Segeberg muss wohl umgestaltet werden.
Kreis Segeberg

Das Ergebnis der Historiker: von Mohl war kein Nationalsozialist, aber mitverantwortlich am Unrecht. Noch ist sein Porträt eines von vielen in der langen Reihe von 31 Segeberger Landräten, alle in gleich großen Rahmen, mit Namen und Amtszeit versehen. Diese Art der Würdigung hatte die Linke-Fraktion im Kreistag kritisch hinterfragt. Daraufhin hatte der Kreis, um sich Klarheit über die Rolle der umstrittenen Persönlichkeit zu machen, ein Gutachten beim Institut für Schleswig-Holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte (IZRG) der Universität Flensburg in Auftrag gegeben. Dessen geschäftsführender Direktor Prof. Dr. Uwe Danker und der wissenschaftliche Mitarbeiter Dr. Sebastian Lehmann stellten dem Kreistag am Donnerstag ihre Ergebisse vor.

 „Der Segeberger Landrat Waldemar von Mohl war kein Nationalsozialist.“ Das behaupten die Experten, obwohl der Mann 1937 in die NSDAP eingetreten war. Dieser Beitritt sei „als Beispiel für seine Anpassungsbereitschaft zu bewerten“. Sie ordnen die Parteimitgliedschaft ein als „formale Mindestanpassung an das Regime, welche den enormen Anpassungsdruck auf den Landrat im Verwaltungsalltag äußerlich deutlich macht“.

 Insgesamt zeichnen die Wissenschaftler das diffenzierte Bild eines pflichtbewussten Fachmanns, den diplomatisches Gespür und taktisches Geschick auszeichneten. Ein Demokrat nach heutigen Verständnis sei von Mohl nicht gewesen. Als traditions- und standesbewusster preußischer Beamter habe er dem jeweiligen politischen System gedient. Von Mohl könne „als typisches Beispiel für die Rolle traditioneller Eliten im Dritten Reich eingeordnet werden, die durch Anpassungsbereitschaft und zum Teil vorauseilende Selbstgleichschaltung zu Akteuren des NS-Unrechtsregimes wurden, auch wenn sie der NS-Ideologie innerlich fern standen“.

 Er funktionierte, trat nicht als Scharfmacher in Erscheinung. Mit dem NSDAP-Kreisleiter Werner Stiehr, der ebenfalls von 1932 bis 1945 im Amt war, habe es eine „relativ reibungsfreie Kooperation“ gegeben, stellten die Gutachter fest. Bei der Verfolgung politischer Gegner sei der Landrat „widerspruchslos Teil der NS-Verfolgungsmaschinerie“ gewesen. In die NS-Rassenpolitik sei er durch weitreichende Kenntnis verstrickt gewesen. Involviert gewesen sei er in die Zwangsenteignung von jüdischen Grundbesitzern. Gegenüber dem jüdischen Kaufmann Jean Labowsky aus Bad Segeberg habe er sich so verhalten, dass „dieser ihn in seiner bedrohten Lebenssituation als Verbündeten ansah“.

 Die Wissenschaftler fassten zusammen: Von vielen Zeitgenossen sei der Landrat als „positive Autorität“ wahrgenommen worden, was ihn „von den anderen NS-Protagonisten im Kreis abhob“. „Dieses wirkte bis weit in die Nachkriegszeit hinein nach und erklärt das ehrende Andenken bis in die 1980er Jahre.“ Doch heute „wiegt schwerer, dass er sich als eine solche Respektsperson in den Dienst eines Unrechtsregimes stellte und dadurch ein Beispiel zur Mitarbeit am NS-Staat bot und auch konkret mitwirkte“.

 Welche Folgerungen aus dem Gutachten gezogen werden, liegt an den Kreispolitikern. Zuerst hat der Kulturausschuss das Wort. Die beiden Wissenschaftler gaben einige Empfehlungen, die vom Kurzkommentar zum Bild bis zur Umgestaltung der „Ahnengalerie“ in eine Dokumentation reichen, in der alle Landräte seit 1867 bis heute vorgestellt und in ihren historischen Kontext eingeordnet werden. Vom Abhängen des Bildes raten sie ab.

 Dass die Aufgabe nicht einfach wird, wissen die Gutachter: „Das Problem besteht im angemessenen Austarieren zwischen ehrendem Gedenken auf der einen Seite und der alleinigen Reduktion auf schuldhafte Verantwortung auf der anderen Seite der Bewertungsskala“.

Der Kreis Segeberg hat den Text der gutachterlichen Stellungnahme auf seine Internetseite gestellt: www.segeberg.de

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!