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Segeberg Abi-Fiasko setzt Schule unter Druck
Lokales Segeberg Abi-Fiasko setzt Schule unter Druck
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00:24 25.01.2015
Von Einar Behn
Unterricht in der Oberstufe der Leibniz-Privatschule: Die Schüler müssen im Abi acht statt vier Prüfungen absolvieren. Quelle: Einar Behn
Bramstedt/Hitzhusen/Weddelbrook

An staatlichen Gymnasien ist die Durchfallerquote erheblich niedriger. In der Jürgen-Fuhlendorf-Schule bestehen meistens alle das Abi. Schlechte Schüler gehen lieber schon vor den Prüfungen ein Jahr zurück.

 Der Schock aus dem Abi-Debakel im Vorjahr saß in Elmshorn noch tief. Schulleiterin Barbara Manke-Boesten, Ehefrau des Schulleiters Egon Boesten in Hitzhusen, entschloss sich deshalb, im aktuellen Abijahrgang Vorprüfungen stattfinden zu lassen. Die Ergebnisse sollen Grundlage für die Entscheidung sein, welche Jugendlichen zum Abitur zugelassen werden, allerdings ohne bindende Wirkung. Nun berichtete die Lokalpresse im Kreis Pinneberg von den erneut dramatischen Ergebnissen. 24 von 71 Schülern bestanden die Prüfungen nicht. Die Eltern sind erbost, weil die bisherigen Zeugnisse bei den Durchfallern nicht auf die schlechten Leistungen hingedeutet hatten. Die Schulleitung empfahl den Schülern, ein Jahr zu wiederholen. Vier allerdings wollen trotzdem das Abi versuchen. 15 haben mittlerweile die Schule verlassen. Der Rest überlegt noch.

 In der Leibniz Privatschule Bad Bramstedt, die zurzeit noch in Hitzhusen und Weddelbrook ansässig ist, soll es für den ersten Abi-Jahrgang 2016 ebenfalls solche Vorprüfungen geben. Dann wird sich zeigen, wie gut die Schüler vorbereitet sind. Ein ähnliches Abschneiden wie in Elmshorn würde ein weiterer erheblicher Imageschaden sein. Das räumt auch Egon Boesten ein, der allerdings um eine Versachlichung der Diskussion bemüht ist. „Die Abituranforderungen sind an der Privatschule erheblich höher als an staatlichen Gymnasien“, sagt er. Die Schüler müssten sich acht Teilprüfungen unterziehen, vier mündlichen und vier schriftlichen. An staatlichen Gymnasien sind es insgesamt nur vier. Außerdem würden die Vorzensuren aus den vorangegangenen Semestern nicht als Ausgleich mit schlechten Prüfungsnoten verrechnet werden können. „Durchgefallen ist durchgefallen“, sagt Boesten. Und die Prüfungsarbeiten würden von externen Lehrern bewertet, die bei den mündlichen Prüfungen auch im Raum säßen. „Das ist zusätzlicher Stress.“

 Gerechtfertigt werden diese schärferen Auflagen damit, dass weder für die Privatschule in Elmshorn noch für die in Hitzhusen eine staatliche Anerkennung des Gymnasialzweigs vorliegt. Das Abitur unterliegt deshalb noch einer anderen Prüfungsordnung und gilt als sogenannte „externe Prüfung“. Egon Boesten bewertet das als „politisch gewollte Benachteiligung von Privatschulen“. Anders als in anderen Bundesländern seien keine klaren Kriterien zu erhalten, nach denen eine Privatschule anerkannt wird; in Schleswig-Holstein sei das ins Belieben des Ministeriums gestellt, beklagt Boesten. Sicher ist aber: Sollte sich die hohe Durchfallerquote beim Abitur auch in den nächsten Jahren fortsetzen, wird es eng für die Leibniz Privatschule.

 Neben schärferen Prüfungen gibt es noch einen weiteren Nachteil für Privatschüler: Wer das Abitur nicht besteht und an einer staatlichen Schule wiederholen will, muss zwei Jahre zurückgehen, an staatlichen Schulen nur ein Jahr. Auch hier ist der Grund, dass der Gymnasialzweig keine staatliche Anerkennung hat, die Semesterzeugnisse der Oberstufe deshalb an staatlichen Schulen auch nicht akzeptiert werden.

 Die beiden Leibniz Privatschulen haben es zudem schwer, Lehrer zu finden. Die Eltern, die immerhin monatlich 300 Euro bezahlen müssen, beklagen die häufigen Wechsel der Pädagogen. Auch Boesten räumt ein, dass das ein Problem ist: „Wir bezahlen unseren Lehrern brutto das Gleiche wie an staatlichen Schulen, aber netto haben Beamte deutlich mehr in der Tasche, weil sie nicht so viele Abzüge haben. Das können wir nicht ausgleichen, obwohl wir sogar Weihnachtsgeld bezahlen.“ Folge: Viele Leibniz-Lehrer wechseln, sobald ihnen eine Beamtenstelle winkt.

 Wer die schlechtere Bezahlung in Kauf nimmt, hat keine Chance auf eine Verbeamtung. Boesten selbst ist ein Paradebeispiel dafür. Als der heute 60-Jährige Anfang der 1980er Jahre mit dem Lehrerstudium fertig war, herrschte an den Schulen Einstellungsstopp. Also wurde er Sportredakteur bei den Elmshorner Nachrichten. Als dann die Privatschule in Hitzhusen eröffnete, wechselte er in seinen eigentlichen Beruf. Für eine Verbeamtung an einer staatlichen Schule wäre er zu alt gewesen. Solche Biografien finden sich häufig im Kollegium.

 Rund 15 Prozent der Lehrkräfte kommen nicht aus Deutschland. „Das sind hochqualifizierte Ausländer, beispielsweise aus Russland“, versichert Boesten. An staatlichen Schulen haben sie aber keine Chance. Und auch an den Privatschulen werden sie vom Ministerium nur nach Fortbildungen zugelassen.

 Trotz solcher Schwierigkeiten - eine weitere ist das immer noch provisorische Schulgebäude in Hitzhusen - glaubt Boesten an die Zukunft seiner Bildungsstätte. Viele Eltern seien mit staatlichen Schulen unzufrieden. Häufiger Unterrichtsausfall und Lehrkräfte, denen ihre Freizeit wichtiger als ihr Beruf ist, sind nach seiner Erfahrung die Hauptgründe, warum Eltern ihre Kinder zur Privatschule schicken. „Bei uns sind die Lehrer hoch engagiert“, verspricht Boesten. Die Schülerzahlen steigen an der Leibniz Privatschule noch. Sie ist allerdings auch noch im Aufbau. Zurzeit werden in Hitzhusen und Weddelbrook 370 Schüler von 25 Lehrkräften unterrichtet. Zu Beginn des Schuljahres 2014/15 kamen eine 1. Grundschulklasse hinzu, eine fünfte Regionalschulklasse und eine fünfte Gymnasialklasse. Die wirtschaftliche Lage der Schule sei damit stabil, sagt Boesten.

 Der Abiturjahrgang 2016 zählt 24 Schüler. Damit es im Herbst bei den Vorprüfungen nicht ebenfalls ein solches Fiasko gibt wie in Elmshorn, hat die Schule nachmittags „Trainingsstunden“ für die Oberstufenschüler eingerichtet und sogar in den Ferien sollen Kurse in den Prüfungsfächern angeboten werden. „Die Teilnahme ist natürlich freiwillig“, sagt Boesten, „aber ich kann nur jedem raten, die Angebote wahrzunehmen. Das Abitur wird kein Zuckerschlecken.“

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