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Segeberg Mehrheit für umstrittenen Bahnhofsbau
Lokales Segeberg Mehrheit für umstrittenen Bahnhofsbau
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06:05 16.08.2013
Von Michael Stamp
Über 45 Meter lang ist die Betonwand, an der die Reisenden vorbeilaufen werden.
Bad Segeberg

Die Grünen und die Freie Wählergemeinschaft BBS wehrten sich vergeblich gegen den Zweckbau, dem sie jegliches Flair absprechen und der statt eines klassischen Bahnhofs lediglich einige Einzelhandelsgeschäfte beherbergen wird. SPD, CDU und FDP setzten die umstrittene Planung nach hitziger Diskussion durch.

 „Man muss die ganze Planung als Kompromiss sehen“, erklärte Stadtplaner Ernst Wessels aus Lübeck. Die Stadt wünscht sich seit Jahren einen Bahnhof – aber das, was sie jetzt bekommt, ist letztlich ein herkömmliches Einkaufszentrum mit mehreren Fachmärkten und einem kleinen Fahrkartenschalter. Ein Investor für einen klassischen Bahnhof hatte sich nicht gefunden, weil sich damit kein Geld verdienen lässt. Solch ein Gebäude in Regie der Stadt zu bauen und zu betreiben, hatte die Stadtvertretung aus Kostengründen ausgeschlossen.

 Bevor es nun zum Satzungsbeschluss über den Bebauungsplan kommt, wurden im Bauausschuss von Wessels die Anregungen und Bedenken von Institutionen und Einwohnern vorgetragen. Die Liste ist lang und reicht von Details wie der Lage von Fahrradständern bis hin zur Einschätzung, das Gebäude sei „zu wenig Bahnhof“.

 Der Wege-Zweckverband (WZV) moniert, dass die Müllentsorgung auf dem künftigen Bahnhofsgelände nur unter großen Schwierigkeiten möglich sein wird. Die Müllwagen müssen laut WZV auf der ohnehin häufig verstopften B206 anhalten, um die Container entgegenzunehmen – und die Müllbehälter stehen direkt an der Bundesstraße, wo sie nicht gerade ein Aushängeschild für Bad Segeberg darstellen. „Das wird geändert“, betonte Bauamtsleiterin Antje Langenthal.

 Statt der gewünschten Fahrradboxen wird es nur einfache Metallbügel direkt neben der Bundesstraße geben. Überdachte Boxen gelten als a) zu teuer und b) zu groß.

 Bemängelt wurde von Einwohnern auch, dass die geplante öffentliche Toilette nur während der Öffnungszeiten der geplanten Bäckerei erreichbar sein wird. Wer spät am Bahnhof ankommt, hat keine Chance mehr, dort ein stilles Örtchen zu finden. Es ist sogar denkbar, dass der Investor für die Benutzung des Klos eine „ortsübliche Gebühr“ verlangen wird. Antje Langethal hofft aber, diesen Punkt noch wegdiskutieren zu können.

 Besonders Fraktionsvorsitzende Annelie Eick von den Grünen versuchte, den sofortigen Satzungsbeschluss zu verhindern und eine Expertenrunde einzuberufen, die noch einmal über das gesamte Projekt sprechen soll. „Solch eine Bahnhaltestelle ist der Schnittpunkt der Mobilität“, mahnte Annelie Eick. „Es steht uns in Bad Segeberg nicht an, an so einer Stelle einen Kompromiss zu bauen. Viele Bürger sind über die Planung unglücklich.“

 Torsten Bohlmann (BBS) geht davon aus, dass nachts besonders für Frauen hinter dem langgezogenen, undurchsichtigen Gebäude „Angsträume“ entstehen. Bohlmann plädierte für ein Gesamtkonzept mit ZOB und Bahnhof. „Wir haben jetzt eine einmalige Gelegenheit.“ Demnächst soll schließlich das alte ZOB-Gelände abgerissen werden - und die B206, die ZOB und Bahnhof trennt, wird im Zuge des A20-Baus an Bedeutung und Fahrzeugfrequenz verlieren.

 In der Tat sind die Planungen nicht gerade auf ein Gebäude mit Bahnhofsfunktion ausgerichtet, sondern auf einen gängigen Einkaufsmarkt: Taxistellplätze wurden erst nachträglich hinzugefügt, ein Behinderten-Stellplatz fehlt bis jetzt. Rollstuhlfahrer müssen einen weiten Umweg rund um das Gebäude in Kauf nehmen. Ohnehin gibt es – untypisch für ein Bahnhofsgebäude – keinen direkten Zugang zu den Gleisen. Man muss jeweils links oder rechts um das langgezogene Haus herumlaufen.

 Für die Öffentlichkeit sind derzeit nur drei Parkplätze vorgesehen, von denen vermutlich noch einer als Behindertenstellplatz abgezweigt wird. Die Pendler müssen mit einer geplanten neuen Parkfläche hinter dem benachbarten A.T.U.-Gebäude vorlieb nehmen.

 Die Eick-Pläne waren aber schnell vom Tisch. „Wir brauchen keinen Arbeitskreis“, erklärte Tobias Gellert (SPD). „Wir sollten Gas geben, damit wir den Investor nicht vergrämen. Sonst haben wir auch in zehn Jahren noch eine Sandwüste.“ Ohnehin ist eines der stärksten Argumente der Befürworter, dass quasi alles besser sei als der jetzige Zustand mit dem unebenen Sandparkplatz.

 Die kommende Stadtvertretersitzung ist die letzte Hürde für die Planung. Danach kann die BM Brezel GmbH die Bagger anrollen lassen.

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