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Segeberg Schüler hatten viele Fragen zu Auschwitz
Lokales Segeberg Schüler hatten viele Fragen zu Auschwitz
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06:00 20.08.2013
Tim Marvin Meyer (links) und Jonas Harm (beide 16) sind beeindruckt von der Zeitzeugin. „Jetzt ist das alles noch viel glaubhafter für uns“, sagen sie. Die Schüler überreichten Esther Bejarano Blumen und eine Spende für das Auschwitz Komitee über 200 Euro.
Wahlstedt

Das Thema Zweiter Weltkrieg beschäftigt derzeit die Zehntklässler im Unterrichtsfach Gesellschaftskunde. Als Lehrerin Annkathrin Köper in den Sommerferien Esther Bejarano in der Markus-Lanz-Talkshow (ZDF) sah, wurde sie gleich aufmerksam. Denn die Auschwitz-Zeitzeugin erzählte, dass sie gerne in Schulen geht, um über ihr Schicksal und das ihrer Familie zu berichten. „Ich rief beim ZDF an, und die gaben mir Frau Bejaranos Telefonnummer. Als ich sie anrief, erklärte sie sich gerne dazu bereit, uns zu besuchen“, erzählt die Lehrerin. Einzige Bedingung: Sie wollte aufgrund ihres hohen Alters in Hamburg abgeholt und auch wieder zurück gebracht werden. Köper: „Ich finde es ganz toll, dass die Schüler einer Zeitzeugin zuhören und ihr Fragen stellen können. Wer könnte Fragen über diese Zeit besser beantworten, als jemand, der dabei war?“

 Am Montag  war es soweit. In der großen Aula der Schule wirkte die kleine Frau mit den kurzen, weißen Haaren an ihrem Pult fast etwas verloren. Doch als sie begann, aus ihrer Broschüre „Man nannte mich Krümel“, die extra für Schulbesuche wie diesen entwickelt wurde, zu lesen, hatte die 88-Jährige die gesamte Aufmerksamkeit der Jugendlichen auf sich gezogen. Kein Mucks war mehr zu hören. Esther Bejarano las ihre Geschichte vor, die auch für Millionen andere Menschen steht.

 Als Kind musikalischer Eltern wuchs sie mit drei Geschwistern im Saarland auf. Dort verbrachte sie eine glückliche Kindheit, wurde behütet und geliebt. „Bis 1933 Hitler an die Macht kam. Da war ich acht Jahre alt.“ Esther Bejaranos Vater, der als Kantor in der jüdischen Gemeinde arbeitete, hoffte, dass dieser „Spuk“ bald vorüber gehe. Doch spätestens nach der „Kristallnacht“ im November 1938, in der in allen deutschen Städten die Synagogen in Brand gesteckt und die jüdischen Geschäfte zerstört wurden, war die Gefahr, die von den Nationalsozialisten ausging, nicht mehr zu übersehen. „Damals wurde diese Nacht so genannt, weil etliche Scheiben eingeschlagen wurden“, erklärte Esther Bejarano den Schülern.

 Der Vater wurde verhaftet, glücklicherweise aber nach drei Tagen wieder freigelassen. Esthers Bruder, damals 21 Jahre alt, ging nach Amerika, ihre älteste Schwester nach Palästina, um dort eine Ausbildung zu machen und die andere Schwester arbeitete in einem jüdischen Vorbereitungslager für Auswanderer in Oberschlesien. Die junge Esther musste mit ihren Eltern nach Ulm ziehen, weil ihr Vater dort eine neue Anstellung bekam.

 Ab 1939 arbeitete Esther bei Berlin in einem landwirtschaftlichen Vorbereitungslager - dort ahnte sie noch nicht, dass sie ihre Eltern, die mittlerweile in Breslau wohnten, nie wiedersehen wird. „Ende November 1941 bekam ich ein Schreiben von der Polizei, dass ich in die Wohnung meiner Eltern kommen sollte, da diese zu einem Arbeitseinsatz in den Osten geschickt wurden.“ Erst nach dem Krieg erfuhr sie, dass ihre 44-jährige Mutter und ihr 47 Jahre alter Vater morgens um 7 Uhr aus dem Bett gerissen und abtransportiert worden waren. Die Nazis erschossen Esthers Eltern und über 1000 andere Juden aus Breslau noch am selben Tag und verscharrten die Leichen in einem Graben.

 Im April 1943 wurde das Arbeitslager, in dem die junge Esther arbeitete, geschlossen. Mit tausenden anderen Juden wurde sie in Viehwaggons gesperrt, aus denen sie tagelang nicht raus kamen. Endstation: Auschwitz.

 „Nach der Ankunft wurden Mütter mit Kindern, schwache, kranke und behinderte Menschen in einem Lastwagen weggefahren. Man sagte ihnen, dass der Weg zum Lager für sie zu Fuß zu beschwerlich wäre. Wir anderen mussten uns vor den Augen der NS-Wärter ausziehen und eiskalt duschen. Die Haare wurden uns geschoren“, berichtet Esther Bejarano. Außerdem bekamen die Neuankömmlinge Nummern auf den Unterarm tätowiert. „Meine lautete 41948.“

 Nach mehreren Wochen menschenunwürdiger Arbeit und kaum Nahrung (Die Suppe bestand aus lauwarmen Wasser und Kartoffelschale oder Brennnesseln.) fragte eine SS-Wärterin nach Musikerinnen, denn im Lager sollte ein Mädchenorchester gegründet werden. Da Esther den älteren Damen häufig vorsang, wurde ihr Name genannt. Sie sollte Akkordeon spielen, was ihr glücklicherweise gelang. „Ich konnte nur Klavier spielen, traf aber die richtigen Akkorde.“

 Doch dieses „Glück“ erwies sich als Unglück, denn nach einigen Wochen der Proben erfuhren die jungen Musikerinnen, wofür ihre Künste gebraucht wurden: „Wir mussten morgens und abends spielen, wenn die Zwangsarbeiter zur Arbeit gingen und zurück kamen. Aber das Schlimmste für uns war, wenn wir für die ankommenden Züge spielen sollten.“

 Die Menschen in den Waggons, die auf einem bestimmten Gleis ankamen, wurden direkt zu den Gaskammern transportiert. „Aber wenn sie die Musik hörten, glaubten sie, dass es hier nicht schlimm sein konnte. Und einige von den Menschen haben uns gewinkt. Das war eine starke psychische Belastung für uns“, erzählte die Zeitzeugin. Das Mädchenorchester begleitete die Menschen mit fröhlicher Musik in die Gaskammern. Als Esther Bejarano nach ihrer Lesung von einer Schülerin gefragt wurde, welches ihr schrecklichstes Erlebnis in dieser Zeit war, benannte sie diese furchtbare Situation. „Das war das Schlimmste. Wir wussten, dass diese Menschen bald nicht mehr leben.“ Die Musikstücke, die sie damals spielten, habe sie danach nie wieder gespielt.

 Ein anderer Schüler fragte die Zeitzeugin, ob die Gefangenen schon vorher gewusst hätten, dass Auschwitz ein Vernichtungslager ist. „Wir wussten, dass es ein ganz hartes Arbeitslager war, aber dass es sich in Wahrheit um ein Vernichtungslager handelte, erfuhren wir erst als wir dort waren.“

 Nach sieben Monaten wurde Esther Bejarano in das Arbeitslager Ravensbrück verlegt - weil sie auch arisches Blut in ihrem Adern hatte. „Meine Großmutter väterlicherseits war Christin.“

 Es gab die Chance, für alle Juden mit „arischem Blut“, sich zu melden und das Vernichtungslager zu verlassen. „Es war eine schwere Entscheidung für mich - und ich besprach sie mit meinen Freundinnen im Lager.“ Sie bestärkten Esther, sich zu melden. Es sei ihre Pflicht, zu überleben und den Menschen zu erzählen, was in Auschwitz passiert ist. Zusammen mit 70 anderen Frauen kam sie nach langwierigen Überprüfungen nach Ravensbrück. Kurz vor der Befreiung durch die Rote Armee nahmen die SS-Leute viele Gefangene mit auf den so genannten „Todesmarsch“. Den nannte man so, weil jeder, der unterwegs hinfiel und nicht schnell genug wieder auf die Beine kam, gnadenlos erschossen wurde. Doch Esther und sechs andere junge Frauen konnten in Mecklenburg fliehen. nach dem Krieg ging nach Palästina. 1960 kehrte sie mit Ehemann und zwei Kindern nach Deutschland zurück. Sie lebt seitdem in Hamburg.

 Als Esther Bejarano ihre Lesung und ihre Erzählung beendet hatte, hagelte es Fragen seitens der Schüler. „Haben sie ihre Tätowierung noch?“, lautete eine. „Nein. So viele Menschen haben mir dumme Fragen zu der Nummer gestellt. Da merkte ich, dass die Menschen in Deutschland nie richtig aufgeklärt wurden.“

 Eine andere Frage: „Haben Sie sich in Hamburg wohl gefühlt?“ „Am Anfang nicht. Ich konnte mich nicht mit den Menschen unterhalten, weil ich mich immer fragte, was die wohl zu der Zeit gemacht haben. Heute habe ich keine Schwierigkeiten mehr. ich habe viele gute Freunde. Wir dürfen nicht vergessen, dass es auch deutsche Widerstandskämpfer gab. Und deshalb kann ich hier leben.“

 „Was meinen Sie, ist das Wichtigste, das unsere Generation heute lernen sollte?“, fragte ein Lehrer abschließend. Die Antwort kam prompt: „Das Wichtigste ist Zivilcourage. Die gab es damals nicht. Menschen müssen sich in der Not helfen. Heute werden die Kinder zum Egoismus erzogen. Das macht mir Sorgen.“

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