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Meinungen Anne Gramm zu den Missbrauchsfällen in Kiel
Mehr Meinungen Anne Gramm zu den Missbrauchsfällen in Kiel
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08:52 05.02.2016
Von Anne Gramm

Ja, es habe eine Stelle gegeben, an der eine Ausfahrt gewesen wäre, die alle hätten nehmen können, sagt er. Es gibt in dieser Woche viele, in deren Haut man nicht stecken möchte. Das gilt zuallererst für die beiden Opfer: Bei ihnen ist alles Mitgefühl – und die Hoffnung, dass sie mit Hilfe ihrer Familien und professioneller Begleitung einen nicht allzu langen, nicht allzu schmerzlichen Weg zurück in die Normalität gehen können. Das gilt für die Mutter des mutmaßlichen Täters, die offensichtlich nichts unversucht ließ, um ihren Sohn vor sich selbst und andere vor ihrem Sohn zu schützen – und die dennoch nichts ausrichten konnte. Das gilt für den oder die Polizeibeamten, die die Frau wieder nach Hause schickten, ohne etwas zu unternehmen. Das gilt auch für die Sachbearbeiterin des Kieler Gesundheitsamts, die offenbar die Tragweite der erneuten psychischen Krise nicht erkannte – und damit auch nicht die Dringlichkeit, umgehend zu handeln. Und es gilt nicht zuletzt für den mutmaßlichen Täter, dem in einem künftigen lichten Moment eine schreckliche Erkenntnis bevorsteht.

Über den aktuellen Kieler Fall legen sich in Gedanken unweigerlich die Erinnerungen an das Segeberger Kellerkind, das 2012 über Wochen von seinen Eltern weggesperrt wurde. Die Namen Yagmur, Chantal, Jessica und Kevin tauchen auf, alles Kinder, die unter der Obhut von Jugendämtern standen und dennoch nicht den Schutz erhielten, den sie gebraucht hätten. Und zu all diesen Fällen gehört die immer gleiche Aussage der verantwortlichen Behörden, man habe sich an Recht und Gesetz gehalten. So argumentiert jetzt auch die Kieler Staatsanwaltschaft, so verteidigt sich jetzt auch die Kieler Polizei. Dass es einer bemerkenswerten Ausnahme gleichkommt, wenn der Kieler Sozialdezernent Stöcken ohne Ausflüchte auf die Fragen der Medien antwortet, spricht für sich.

Vermutlich hat Deutschland eines der differenziertesten Rechtssysteme überhaupt. Geschaffen und immer wieder verfeinert in dem ehrlichen und ehrenwerten Bemühen, jeden individuellen Fall möglichst gerecht beurteilen und handhaben zu können. Vielleicht verstellt dieses System aber auch den geraden Blick auf einen Fall. Denn – jetzt in Kiel und an vielen anderen Orten zuvor – hätte doch der gesunde Menschenverstand alle Alarmglocken schrillen lassen müssen.

Es ist der Gedanke an die hilflosen Opfer, der einem bei jedem Fall von Kindesmissbrauch den Atem raubt. Es ist die Ohnmacht, es nicht verhindern zu können, die uns auch immer wieder wütend macht. Bei den beiden Verbrechen, die sich in Kiel ereignet haben, ist das nicht anders.

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