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Christian Longardt zur neuen Grünen-Spitze

Kommentar Christian Longardt zur neuen Grünen-Spitze

Es ist nicht weniger als eine grüne Revolution: Die Grünen haben in Hannover ein Dogma über Bord gewachsen und mit Annalena Baerbock und Robert Habeck erstmals zwei Vertreter des Realo-Flügels zur Doppelspitze gewählt.

Dass dies überhaupt so lange bestand, sagt viel aus über die Verkrampfung, mit der mancher Grüne an seinen Glaubenssätzen festhält. Dabei ist es doch ganz einfach: Man wählt diejenigen zu Parteivorsitzenden, die sich am besten eignen. Das waren in Hannover die Kandidaten Annalena Baerbock und Robert Habeck.

Mit den beiden Realos öffnen sich die Grünen ein gutes Stück mehr der bürgerlichen Mitte. Dass Habeck auf dem Parteitag für ihn ganz ungewohnt Umverteilung und Reichensteuer forderte, war wohl mehr dem Werben um Stimmen der Linken geschuldet als eigener Überzeugung. Denn eines hat er als Minister in Kiel gelernt: Seinen Zielen treu zu bleiben und gleichwohl Realitäten anzuerkennen. Mit einer Politik des Machbaren und der Fähigkeit, Andersdenkenden zuzuhören, hat sich Habeck bei Fischern und Bauern im Norden Respekt erworben, Klimaschützerin Baerbock bringt aus den brandenburgischen Kohlerevieren ganz ähnliche Erfahrungen mit.

Dennoch ist Habeck unbestritten der neue Star der Grünen, der es Kraft seiner Persönlichkeit geschafft hat, dass sich seine Partei auch bei einem anderen Credo ein wenig lockerer machen. Die „Lex Habeck“, die ihm für maximal acht Monate den Verbleib in Kiel garantiert, haben viele Delegierte zwar als Erpressung empfunden. Das aber lieben sie ja gerade an ihrem Robert: sein freies Denken, den Mut zum Risiko, das Unkonventionelle. Und wenn er’s mal übertreibt mit der Philosophie, hören sie einfach weg. Mit Verlaub: Gegen das jugendlich-coole Führungsduo der Grünen sehen SPD und CDU, Martin Schulz und Angela Merkel gerade ziemlich alt aus. Junger, frischer, offener – die neue Grünen-Führung wirkt für den Moment wie der Gegenentwurf zum GroKo-Gewürge in Berlin.

Es kommt nicht von ungefähr, dass es in Schleswig-Holstein mit Jamaika so glatt ging. So unterschiedlich Habeck und Daniel Günther politisch denken, im Geiste sind sie Brüder. Auch Günther vermeidet den üblichen Politiker-Jargon, auch er wird für seine Ehrlichkeit geschätzt. Die ganze Republik nimmt wahr: Da drängt eine neue Generation nach vorn, die in freier Rede begeistern kann, die Dinge offen ausspricht, um die andere Spitzenpolitiker herum eiern. Die beiden Jungen und die Alten, Ralf Stegner und Wolfgang Kubicki – so viel Gewicht hatte Schleswig-Holstein schon lange nicht mehr in Berlin.

Klammert man die Grünen-Chefin Angelika Beer (2002-2004) aus, so ist zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert wieder ein mit großen Hoffnungen beladener Schleswig-Holsteiner Bundesvorsitzender einer regierungsfähigen Partei. Auch Björn Engholm (SPD-Chef 1991-1993) hatte Charisma und das Zeug zu noch Größerem, das Ende ist bekannt. Habecks Höhenflug hat dagegen gerade erst begonnen.

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Ein Artikel von
Christian Longardt
Chefredakteur

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