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Gerhard Müller zum Jahreswechsel

Kommentar Gerhard Müller zum Jahreswechsel

Die Debatte, ob früher alles besser war, ist müßig, sie endet häufig im Jammertal. Dennoch gilt, was der amerikanische Philosoph George Santayana einmal gesagt hat: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“

Was bedeutet das am Ende eines Jahres, das Deutschland gottlob von Anschlägen verschonte, nicht aber von einer sonderbaren Regierungssondierung, von Verbraucher verunsichernden Diesel-Debatten oder peinlichen Hängepartien bei Großprojekten?

Wer weder arbeitslos ist noch unter Altersarmut leidet, wer sich einer gewissen Gesundheit erfreut und an einer intakten Familie, der hat in unserem Staat im Grunde nicht viel zu klagen. Gemeckert wird eher über Begleiterscheinungen, die keinem persönlichen Einfluss unterliegen: das Wetter, die Deutsche Bahn oder angeblich zu viele Ausländer. Doch sind es andere Entwicklungen, schleichende Prozesse, die unser Leben verändern und noch viel gravierender verändern werden.

Gegen technologischen Fortschritt ist absolut nichts zu sagen. Dass Waschmaschinen die einstige schwere Handarbeit ablösten, ist ein Segen, keine Frage. Die Frage lautet stattdessen, ob mit der digitalen Revolution einhergehende Eingriffe in die Lebenswirklichkeit als gegeben hingenommen werden sollten. Einparkhilfen in Autos mögen bequem sein, sie mindern aber die Auge-Hand-Koordination. Navigationsgeräte erleichtern die Wegfindung, aber sie gehen zu Lasten der Orientierungsfähigkeit. Die Nutzung von Handys lässt die Handschrift ungelenker werden. Wer die Standheizung in seinem SUV per App aktiviert statt zum Bäcker zu radeln, schadet der Umwelt. Der digitalaffine Bürger, geschickt gelenkt von Google und Facebook, besitzt einen Rasenroboter und einen Roboterstaubsauger und freut sich über den Zeitgewinn. Diese Zeit verbringt er dann häufig sitzend vor dem Computer, um online Kleidung oder Lebensmittel zu bestellen. Noch nicht einmal ins Restaurant muss man mehr gehen; wer Lust auf Pizza oder ein Drei-Gänge-Menü verspürt, lässt liefern. Und wer einen Partner kennenlernen möchte, zieht nicht mehr in die Disco, sondern klickt sich durch Dating-Portale. Sinnlichkeit? Von gestern! Bewegung? Überflüssig! Dabei gilt körperliche Aktivität für Jung wie Alt als Nahrung fürs Gehirn, förderlich für kognitive und motorische Fähigkeiten.

Das digitale Dasein mag für viele sinnvoll sein, Homeoffice statt Büro gilt als familienfreundliche Variante des Arbeitslebens. Andererseits verkümmern die Sinne. Wer mit Alexa oder Siri spricht, kommuniziert eingleisig. Bücher kann man auf dem Tablet nicht anfassen, Obst bei Amazon Fresh nicht probieren und das Parfum eines potenziellen Partners nicht bei Parship riechen. Wir sollten über einen Sinneswandel nachdenken, jeder für sich. Die buchstäblich eigensinnige Antwort auf diese Sinnfrage wäre vielleicht auch gut fürs große Ganze.

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