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Meinungen Christian Longardt zur Einheit
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21:28 01.10.2015
Von Christian Longardt

Die voller Häme auflisten, was alles schief gelaufen ist seit jenem grauen Novembertag im Jahre 1989, als ein leicht verwirrter Günter Schabowski wie beiläufig erwähnte, man habe übrigens gerade die Grenze geöffnet.

Hunderttausende hätten seitdem ihre sicheren Arbeitsplätze verloren und Mütter die Kindergartenplätze, mäkeln die DDR-Nostalgiker, Kohls blühende Landschaften seien ein Ammenmärchen gewesen, und überhaupt: Die ganzen Aufschwung-Fantasien, alles nur Lug und Trug. Von wegen Freiheit! Diese ganze Wiedervereinigungsveranstaltung sei den Ostdeutschen von den Kapitalisten am Ende nur aufgezwungen worden, die vermaledeite D-Mark inklusive.

Und dann sind da die jungen Leute, die mal gerade so alt sind wie das wiedervereinigte Deutschland. Auf Seite 10 dieser Ausgabe können Sie lesen, wie erfrischend unverkrampft die Generation der heute 25-Jährigen auf unser Land blickt. Ost-West-Unterschiede? Für die meisten gar kein Thema. Das deckt sich mit den Ergebnissen einer repräsentativen YouGov-Studie, nach der nur jeder Dritte der 18- bis 24-Jährigen erklärt, er merke sofort, ob ein neuer Bekannter in seinem Alter aus Ost- oder Westdeutschland stammt. Bei den über 55-Jährigen ist das Verhältnis übrigens genau umgekehrt: Hier sagen noch mehr als zwei Drittel der Menschen, sie spürten schnell die Herkunft des gleichaltrigen Gesprächspartners.

Arroganter Besserwessi trifft nörgelnden Jammerossi – die Zeiten solch grober Vereinfachungen sind aber gottlob längst vorbei. Der alljährlichen Soli-Debatte um vergoldete Fußwege und blitzblank polierte Strandpromenaden im Osten zum Trotz: Deutschland ist fraglos zusammengewachsen in diesen zweieinhalb Jahrzehnten, und das Selbstbewusstsein der ehemaligen DDR-Bürger speist sich nicht zuletzt aus der wundersamen Entwicklung, dass in Kanzleramt und Schloss Bellevue eine Physikerin aus der Uckermark und ein Pastor aus Rostock residieren.

Die Einheit in Frieden zu vollenden – was die Väter des Grundgesetzes einst in großer Weisheit und voller Zuversicht als Ziel in die Präambel geschrieben hatten, ist seit 1990 erreicht. Wir sind ein Volk, ein ziemlich glückliches sogar, das in Wohlstand, in Freiheit und Frieden leben kann. Was das bedeutet, ist gerade in diesem Jahr, in dem die Welt aus den Fugen zu geraten scheint, überdeutlich geworden.

Was wir Deutschen im vergangenen Vierteljahrhundert hinbekommen haben, sollte uns Kraft und Mut verleihen, miteinander auch die gegenwärtige, vielleicht noch viel größere Herausforderung erfolgreich zu bewältigen.

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