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Meinungen Christian Longardt zur Eskalation in Preetz
Mehr Meinungen Christian Longardt zur Eskalation in Preetz
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07:03 13.04.2018
Von Christian Longardt
Christian Longardt, Chefredakteur der Kieler Nachrichten Quelle: Ulf Dahl
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Es war bekannt, dass es dort eine jugendliche „Problemgruppe“ gibt, die monatelang ihr Unwesen trieb und im vergangenen Jahr für zwei Schwerverletzte verantwortlich war, darunter ein Polizist. Doch ein Angriff auf die örtliche Wache, Steinwürfe auf zwei Beamte und ein Minderjähriger, der auf einen Streifenwagen uriniert und sich dabei filmt – das würde man im Schanzenviertel vermuten, in Berlin-Kreuzberg, in der Bronx. Aber in Preetz?

 Eine überzeugende Erklärung, warum die Kleinstadt an der Schwentine zum Schauplatz derartiger Ausfälle geworden ist, hat noch niemand geliefert. Dabei kann man der Stadt und ihren Bürgern nicht vorhalten, die Probleme ignoriert zu haben. Es gab viele Bemühungen zur Deeskalation, Gespräche, einen Runden Tisch. Es gab Polizeikontrollen und -präsenz, Platzverweise, Strafanzeigen, die Verpflichtung zur Teilnahme am Anti-Aggressions-Training. Auf einige junge Männer, die sämtlich noch dem Jugendstrafrecht unterliegen, hat all das offenbar wenig Eindruck gemacht.

 Die Einschätzung der Polizei, man müsse nicht mehr von einem gefährlichen Ort sprechen, war allemal falsch. Einen Vorwurf muss daraus aber niemand konstruieren. Jeder einzelne Beamte, der im Einsatz gegen Gewalttäter Leib und Leben riskiert, hat vielmehr uneingeschränkte Solidarität verdient.

Was läuft schief in unserem Land?

 Verstörend ist für viele Menschen in und um Preetz gleichwohl der entstandene Eindruck, dass die Polizei den notorischen Randalierern ein Stück weit ausgeliefert ist. Was läuft schief in unserem Land, wenn schon ein Polizeiführer im beschaulichen Preetz seine Kollegen warnen muss, vorsichtig zu sein, die Rollos zu schließen und an den Fahrzeugen Radmuttern und Bremsanlagen zu kontrollieren? Wenn die Behörde nicht einmal ihr eigenes Revier, ihre eigenen Streifenwagen sicher weiß – ist es dann ein Wunder, dass der Bürger verunsichert ist?

 Befremdlich ist, dass dies alles erst durch unsere Reporter öffentlich wurde. Die nächsthöhere Polizei-Ebene wollte das unbequeme Thema ganz offensichtlich unter dem Deckel halten. Welche Motive auch immer eine Rolle gespielt haben – das Vertrauen der Bevölkerung gewinnt man so nicht. Nicht einmal in der schriftlichen „Lage“, die polizeiintern über wesentliche Vorkommnisse im Land informiert, wurde die Attacke am Dienstag und Mittwoch erwähnt.

 Bedenklich ist, dass bis Mittwochabend selbst das Innenministerium nach eigenem Bekunden keine Kenntnis von der Eskalation hatte. Genau das hatte der neue Minister Hans-Joachim Grote vermeiden wollen, als er die Polizeispitze im November ablöste. So schnell aber sind die Fehler im System nicht abzustellen. Um die Kultur in der Landespolizei nachhaltig zu verändern, wird Grote einen langen Atem brauchen.

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Der Angriff auf die Preetzer Polizeistation ist erschreckend. Nicht nur deswegen, weil das Gebäude und sogar Polizeibeamte mit Steinen beworfen wurden. Sondern vor allem deshalb, weil sich der Eindruck einer gewissen Hilflosigkeit gegenüber den bekannten Intensivtätern bei der Bevölkerung breitmacht.

Silke Rönnau 12.04.2018

Ja, auch ich habe meine Kinder in der Öffentlichkeit gestillt. Und: Nein, damit gab es keine Probleme – ich wurde weder schief angeschaut noch weggeschickt. Kaum zu glauben, dass jetzt im Jahr 2018, noch dazu im toleranten Norden das Stillen in der Öffentlichkeit so kontrovers diskutiert wird.

Karen Schwenke 24.04.2018

Das aus Kieler Sicht Ärgerliche an den jüngsten Gerüchten um den angeblich feststehenden Wechsel von Holstein-Cheftrainer Markus Anfang zum 1. FC Köln ist weniger der Inhalt als vielmehr der Zeitpunkt.

Andreas Geidel 10.04.2018
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