Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Meinungen Ulrike Demmer zur Kriegsrhetorik
Mehr Meinungen Ulrike Demmer zur Kriegsrhetorik
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:05 16.11.2015
Von KN-online (Kieler Nachrichten)

So kurz nach dem blutigen Geschehen ist martialische Rhetorik verständlich: In einer Situation der Schwäche sollen Worte Stärke demonstrieren. Trotzdem ist jede Kriegsrhetorik verfehlt.

Krieg herrscht in Syrien und im Irak, nicht in Westeuropa. Hier gibt es keinen Krieg, sondern exportierten Terror von Attentätern mit Bombengürteln. Wer meint, Paris, London oder Berlin stünden im Krieg, der verhöhnt all jene, die in Syrien und im Irak jeden Tag im Bombenhagel stehen, die Familie, Freunde und ihr Zuhause verloren haben.

Natürlich hat der Krieg in den vergangenen Jahren seine Erscheinungsform gewechselt. Der Krieg ist ein Chamäleon, befand schon der preußische Kriegstheoretiker Carl von Clausewitz. Der klassische Staatenkrieg, der in Geschichtsbüchern so viel Platz eingenommen hat, wirkt fast schon wie ein historisches Auslaufmodell. Tatsächlich ist der „Islamische Staat“, auch ohne Staat zu sein, ein ernstzunehmender Kriegsgegner – mehr als es El Kaida oder die Taliban je waren.

Die Gefahr solcher Kriegsrhetorik: Sie lässt sich auf das Spiel des Gegners ein. Sie befördert das Ziel des islamistischen Terrors und vertieft den Graben zwischen der muslimischen Welt und dem christlich geprägten Westen. Freie Gesellschaften sind verwundbar. Die Opfer von Paris sind der Preis dieser Freiheit. Darauf müssen wir uns einstellen. Wir können die Sicherheitsbehörden besser ausstatten. Wir können unsere Supermärkte und Konzertsäle von Polizisten schützen lassen. In Frankreich patrouilliert sogar das Militär. Doch selbst eine Überwachungskamera in jedem Treppenhaus wird uns nicht gänzlich vor dem Terror schützen können.

Die Gefahr durch den Terror verändert sich so schnell, dass eine eben getroffene Sicherheitsmaßnahme im nächsten Moment wieder veraltet ist. Freiheit lässt sich nicht mit mehr Sicherheit verteidigen. Diese Wahrheit sollten wir uns eingestehen. Anschläge wie die von Paris lassen sich nicht verhindern. Wir werden uns daran gewöhnen müssen.

Die stärkste Waffe gegen die Bedrohung durch den Terrorismus heißt Resilienz. Resilienz ist ein Konzept der Evolutionsbiologie. Es ist die Fähigkeit des Menschen, Krisen zu bewältigen und Schocks zu absorbieren und möglichst unbeschadet weiter existieren zu können, die Krise sogar als Möglichkeit zu sehen, sich weiterzuentwickeln.

Auch Gesellschaften können Resilienz entwickeln, widerstandsfähiger werden, auch gegen Attentate mit Sprengstoffgürtel oder dem Maschinengewehr. Dazu gehört es auch, die eigene Verwundbarkeit zu akzeptieren.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

„Schönen Sonntag noch“, wünschte der Bäcker gestern beim Brötchenholen, und das war sicher nett gemeint. Doch dieser trübe Volkstrauertag konnte nicht schön werden, schon für uns hier oben in Schleswig-Holstein nicht. Wie muss es erst den Menschen in Frankreich in diesen bitteren Stunden gehen?

Christian Longardt 16.11.2015

„Sport has the power to change the world“, hat Nelson Mandela im Jahr 2000 gesagt, der Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern. Spätestens 15 Jahre später muss man sich, so traurig das macht, die Frage stellen: Ist das wirklich so?

15.11.2015

Was Frankreich im Januar erleben musste, galt bislang als schlimmste Ausprägung des Terrors. Die Angriffe auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt durch hasserfüllte Islamisten trafen das Land tief. Von einem „französischen 11. September“ war die Rede. Nun hat das Entsetzen nochmals eine Steigerung erreicht.

14.11.2015
Anzeige