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Martina Drexler zur Kinderarmut

Kommentar Martina Drexler zur Kinderarmut

Silke war die Klassenbeste, hatte dank eines Stipendiums ein Schuljahr in den USA absolviert, engagierte sich sozial und gab bereitwillig auch Mitschülerinnen Nachhilfe. Eine dieser Mitschülerinnen war ich. Wie arm Silkes Familie war, bekam ich erst mit, als sie mich zum ersten – und einzigen Mal – zu sich nach Hause einlud.

Im einzigen Zimmer schliefen die Eltern auf der Auszieh-Couch, Silke und ihre beiden Geschwister in der Küche in Stockbetten. Kinderarmut im reichen Deutschland sieht man nicht auf den ersten Blick. Sie drückt sich verschämt aus, wie der Kieler Sozialdezernent Gerwin Stöcken beobachtet hat, in Rückzug und Resignation. Sie zeigt sich daran, keine Freunde zu sich einzuladen, damit sie die billige Wohnung nicht sehen. Oder daran, nicht ins Kino, in die Disko oder zum Klassenausflug mitzukommen, weil das Geld fehlt. Sie zeigt sich aber auch am schlechten Zustand der Zähne, allzu häufig an Übergewicht und an mangelnder Konzentrationsfähigkeit.

Seit vielen Jahren haben wir uns an Studien gewöhnt, die uns vor Augen führen, wie erschreckend viele Kinder nach Trennung oder Langzeitarbeitslosigkeit der Eltern in der Armutsfalle stecken. 2,7 Millionen Kinder in Deutschland gelten als arm, in Kiel ist es fast jedes dritte Kind. Die Zahlen sind nicht neu, aber alarmierend, weil sie nicht sinken. So liegt der eigentliche Skandal darin, dass trotz aller Unterstützungsangebote, trotz des Wirtschaftsaufschwungs und politischer Bekenntnisse Kinderarmut in vielen Städten zum Dauerzustand geworden ist. Das ist gefährlich. Arme Kinder sind ohne Anreize und Vorbilder arm an Lebenschancen, gerade in einem Land, in dem der Bildungserfolg allzu oft vom Geldbeutel und vom Schulabschluss der Eltern abhängt. Ein Teufelskreis, denn wer einmal abgehängt ist, bleibt es meist ein Leben lang. Oft vererbt sich so der Bezug von Hartz IV und das Gefühl des Ausgegrenztseins über Generationen.

Die Situation würde sich nicht ändern, wenn die Hartz-IV-Sätze deutlich erhöht würden. Hebt man die Regelsätze an, steigt auch die Armutsgrenze. Wer die Kinderarmut in Deutschland wirklich bekämpfen will, muss die Eltern vor Ort nicht nur bei der Alltagsbewältigung unterstützen, sondern vor allem beim Einstieg in den Arbeitsmarkt. Ein Kraftakt gerade für Städte wie Kiel, in denen es nur wenig Industrie mit Möglichkeiten gibt, auch einfache Jobs zu bekommen. Ohne gezielte Qualifizierungsmaßnahmen wird es also nicht gehen. Alleinerziehende, die ein besonders großes Armutsrisiko tragen, brauchen mehr Betreuungsangebote. Bundespolitisch braucht es mehr Mut zu einem Systemwechsel: Eine Kinder-Grundsicherung, die Einführung eines sozialen Arbeitsmarktes und kostenlose Bildung von der Kita bis zum Beruf sollten ohne politische Scheuklappen diskutiert und durchgerechnet werden. Wird nicht konsequent gegengesteuert, drohen noch mehr Kinder in die Armutsfalle zu geraten. Damit verspielt das Land nicht nur Zukunftschancen, sondern gefährdet auch den sozialen Frieden.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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