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Hamburg Ausrücken, wenn es brennt oder kracht
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12:15 02.09.2012
Die Mitarbeiter der Seefalluntersuchungsstelle waren auch auf der havarierten Ostseefähre «Lisco Gloria», die 2010 vor Fehmarn in Brand geraten war. Quelle: Behling

Sie rücken aus, wenn es auf See brennt oder kracht. Nach schweren Schiffsunfällen gehen die Spezialisten der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung den Ursachen auf den Grund: Sie sichern Beweise, befragen Zeugen, sammeln Fakten. Als etwa auf dem Kreuzfahrtschiff «Deutschland» am Pfingstsonntag 2010 in Norwegen ein Feuer ausbricht, nehmen sie das «Traumschiff» unter die Lupe. Und auch auf der havarierten Ostseefähre «Lisco Gloria», die ebenfalls 2010 vor Fehmarn in Brand gerät, kennen sie fast jede Schraube.

Seit zehn Jahren gibt es die Behörde mit Sitz in Hamburg nun. Das Jubiläum feiern die Mitarbeiter vom 9. September an bei einer Tagung in der Hansestadt mit Kollegen aus ganz Europa.

Die Ermittler der Bundesstelle sollen klären, welche Gründe zu einem Unfall auf See geführt haben - mit dem Ziel, ähnliche Unfälle künftig zu verhindern. Denn jedes Unglück, so schlimm es für die Betroffenen ist, bietet auch eine Chance: Es lässt sich daraus lernen. Die ausführlichen Untersuchungsberichte der Behörde sind daher im Internet für jeden einsehbar - und auch daraus abgeleitete Empfehlungen, die die Sicherheit in der Seefahrt verbessern sollen.

Die Schuldfrage dagegen spiele bei den Untersuchungen der Bundesstelle keine Rolle, erzählt Direktor Volker Schellhammer in seinem Büro mit Blick auf den Hamburger Hafen. «Es ist ausdrücklich nicht unsere Aufgabe, Verschuldens- oder Haftungsfragen zu klären. Wir sollen objektiv und neutral ermitteln - und zwar fallbezogen, nicht personenbezogen.» Es geht also zum Beispiel nicht darum, einem betrunkenen Kapitän das Patent zu entziehen; die persönliche Verantwortung von Unfallbeteiligten wird von den Seeämtern geprüft.

Den zehn Mitarbeitern der Bundesstelle darf rund um ihre Ermittlungen niemand Weisungen erteilen, wie Schellhammer sagt - auch nicht das Bundesverkehrsministerium, bei dem die Behörde angesiedelt ist. «Wir haben eine äußerst unabhängige Rechtsstellung, die in etwa mit der eines Gerichts vergleichbar ist.»

Einer der Auslöser für die Gründung der Bundesstelle war die Havarie des Holzfrachters «Pallas». Im Oktober 1998 war das brennende Schiff vor Amrum gestrandet und hatte die bisher schwerste Ölpest an der deutschen Küste verursacht: Rund 16 000 Seevögel verendeten, nachdem knapp 100 Tonnen Schweröl ins Wattenmeer gelaufen waren. Der Bundestag beschloss daraufhin 2002 ein Gesetz zur Untersuchung von Seeunfällen - mit dem Kern, die Bundesstelle einzurichten.

Vorbild für die Regelung war der Flugverkehr: Das sogenannte Seesicherheits-Untersuchungsgesetz lehnte sich eng an das Flugunfall-Untersuchungsgesetz an. «Das war ein Geburtsfehler», meint Schellhammer. Flugzeug- und Schiffsunfälle seien schlicht nicht vergleichbar. Im vergangenen Jahr wurde das Gesetz geändert, Querverweise auf Unfälle mit Flugzeugen herausgenommen.

Die Bundesstelle ist weltweit für alle Unfälle von Schiffen unter deutscher Flagge zuständig. Innerhalb der deutschen Hoheitsgewässer ermittelt sie unabhängig von der Flagge der beteiligten Schiffe. Untersucht werden allerdings nur schwere oder sehr schwere Unfälle, erklärt der 60 Jahre alte Jurist - etwa wenn es Tote gibt, ein Schiff sinkt oder das Meer verschmutzt wird. Seit der Gründung vor zehn Jahren haben die Spezialisten fast 5420 Unfallmeldungen bearbeitet, 152 Untersuchungsberichte geschrieben und 76 Sicherheitsempfehlungen herausgegeben.

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