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Hamburg Jobcenter gibt Spartipps
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00:18 21.07.2013
Von Martina Drexler
Die Bundesagentur für Arbeit hat eine Broschüre mit Spartipps für Hartz-IV-Empfänger gegen Kritik verteidigt. Quelle: Jobcenter Pinneberg
Pinneberg

Die mit Comics bebilderte 112-seitige Broschüre schildert, wie der arbeitslose Bürokaufmann Fischer Hartz IV beantragt und mit seiner Familie ebenso schnell im neuen Alltag zurechtkommt, wie er wieder Arbeit findet. Solche Ratgeber sind, wie Britta Kempcke, stellvertretende Geschäftsführerin des Jobcenters Kiel, bestätigt, üblich, um den Weg durch den Dschungel der Formulare zu erleichtern. So begründet auch das Pinneberger Jobcenter die von der Bundesarbeitsagentur gelobte Broschüre damit, die komplizierte Materie „Grundsicherung für Arbeitsuchende“ verständlicher machen zu wollen.

Doch während im Kieler Leitfaden nur wenige allgemeine Spartipps auftauchen, wie „lieber selber kochen“ oder nach Schnäppchen Ausschau zu halten, prasseln auf Familie Fischer gezielte Ratschläge ein. So legt ihr eine Freundin ans Herz, Leitungswasser zu trinken statt Getränke zu kaufen. Auf den Einwand von Frau Fischer, dass Wasser nicht so gut schmecke, kommt die Antwort: „Vielleicht müsst ihr euch nur daran gewöhnen.“ Geraten wird ihnen auch, zu duschen statt ein Vollbad zu nehmen, Steine in den WC-Spülkasten zu legen oder Waschmittel beim Discounter zu kaufen. Es müssten ja nicht immer „Perls“ sein. Im Detail wird beschrieben, wie Fischer und Sohn Ben (16) elf Jahre alte Möbel im Internet für mehr als 350 Euro versteigern und darüber jubeln, dass sie das Geld behalten dürfen, da Verkäufe aus dem Hausrat nicht angerechnet werden.

Mit solchen Tipps, protestiert das Erwerbslosen-Forum Deutschland in Bonn, werden Hartz-IV-Empfänger geradezu verhöhnt: Hartz IV lasse sich nicht „mit dümmlichen Spartipps“ bewältigen, weil damit kein menschenwürdiges Existenzminimum gesichert werde. „Die Broschüre ist besserwisserisch und naiv und wird den von Hartz IV betroffenen Menschen nicht gerecht“, kritisiert auch Guido Bauer vom Sozialverband Schleswig-Holstein. Für Hardy Bickel vom Schuldner- und Insolvenzberatungszentrum Kiel, das jährlich etwa 1000 Hartz-IV-Empfänger betreut, gehen die „diskriminierend klingenden Vorschläge“ an der „Lebenswirklichkeit“ der Betroffenen vorbei. Das größte Problem sind demnach die steigenden Energiekosten: Hier reiche der nach dem Bundesgesetz vorgesehene Anteil im Satz schon lange nicht mehr aus.

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