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Hamburg Das Ölfieber kehrt zurück
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00:17 08.08.2013
Von Ulrich Metschies
Nicht Texas im vergangenen Jahrhundert, sondern Schleswig-Holstein in den 1950er-Jahren: die Bohrmannschaft auf einer Bohranlage der Deutschen Erdöl-Aktiengesellschaft (DEA). Quelle: RWE Dea
Schwedeneck

Das Ölfieber in Schleswig-Holstein beginnt mit einer stinkenden Überraschung: An einen Frühlingstag des Jahres 1856 will der Dithmarscher Bauer Reimer Peters auf seinem Acker bei Heide einen Brunnen bohren. Doch statt klares Trinkwasser findet er Sand – übelriechenden Sand. Als der Geologe Ludwig Meyn von diesem Zufallsfund erfährt, ist ihm klar, was den Sand so stinken lässt: „Steinöl“, lateinisch „petra oleum“. Meyn ahnt: Wo es Ölsand gibt, muss auch flüssiges Erdöl in der Nähe sein. Weil der Geologe Geschäftssinn hat, startete er kurze Zeit später die wohl erste Erdölbohrung der Welt. Nur leider fand er damals noch kein flüssiges Öl, sondern noch mehr Ölsand. Auch nicht schlecht, denn aus dem werden ab 1858 mit Erlaubnis des dänischen Königs Bitumen, Wagenschmiere und „Solaröl“ destilliert, das unter dem Namen Petroleum zum Verkaufsschlager wurde.

 Der wirkliche Durchbruch in der Ölförderung in Schleswig-Holstein geschah 1935, als die Bohrung „Holstein 2“ in nur 400 Metern Tiefe auf förderbares flüssiges Öl traf. Die Deutsche Erdöl AG (DEA) entwickelte das Feld Heide in den Folgejahren weiter und verdiente viel Geld damit. Dithmarscher Öl war auch die Basis für die 1940 errichtete Raffinerie Hemmingstedt, die jährlich rund vier Millionen Tonnen Rohöl verarbeitet, zwischenzeitlich Shell gehörte und 2010 von der Schweizer Klesch-Gruppe übernommen wurde. Rund 15 Prozent des in der Region verbrauchten Benzin- und Dieseltreibstoffs kommt aus Hemmingstedt.

 Bis in die 90er-Jahre prägte die Ölförderung in Schleswig-Holstein durch die markanten Pferdekopfpumpen das Landschaftsbild. Bereits in den 80er-Jahren hatte RWE Dea unter anderem die Erdöl-Lagerstätte Schwedeneck-See erschlossen. Während der fast 16-jährigen Förderdauer wurden aus diesem Feld fast 3,5 Millionen Tonnen Rohöl gewonnen – „störungsfrei“, wie das Unternehmen betont. Sinkende Fördermengen und ein niedriger Ölpreis führten im Jahr 2000 zur Einstellung der Produktion.

 Doch inzwischen ist die Ölförderung auch auf kleineren Feldern wieder lukrativ, ein Ölpreis von deutlich mehr als 100 Dollar pro Barrel und neue Fördertechnologien sind dafür die wesentlichen Gründe. So war es bis zur Jahrtausendwende lediglich möglich, Ölvorkommen per Vertikal-Bohrung auszubeuten. Inzwischen jedoch ist es kein Problem mehr, die Öl führenden Gesteinsschichten in bis zu 3000 Metern Tiefe horizontal anzuzapfen.

 Geologisch bietet Schleswig-Holstein für die Ölförderung gute Voraussetzungen: Im Bereich des „Ostholsteinischen Trogs“ etwa befinden sich die Speichergesteine in rund 1370 Metern Tiefe (Schwedeneck-See) und 2395 Metern (Plön-Ost). Geführt wird das Öl im sogenannten Dogger-Beta-Hauptsandstein, doch es kommt aus viel tiefer gelegenem Muttergestein, Schieferschichten, die vor etwa 180 Millionen Jahren durch das Absinken organischen Materials auf den Meeresboden entstanden. Durch die Überlagerung mit Sedimentgestein erhöhten sich Druck und Temperatur und sorgten für die Umwandlung zu Öl, das schließlich in das Speichergestein nach oben wanderte.

 Natürlich löst das RWE-Ölfieber auch Unmut aus. „Wir nehmen alle Sorgen sehr ernst“, sagt Unternehmenssprecher Derek Mösche. Transparenz, kein Fracking, Rücksichtnahme auf Natur, Umwelt und Anwohner: Mit diesen Versprechen will das Unternehmen dem nun aufbrausenden Proteststurm in der Region Einhalt gebieten. Ziel der nun geplanten Arbeiten sei es, das verbliebene Ölpotenzial „mithilfe neuer Verfahren und Konzepte neu zu bewerten und das verbliebene restliche Öl zu fördern“. Dabei greift das Unternehmen auf 3-D-Modelle der Lagerstätten zurück, deren Daten 2008 und 2009 durch seismische Sprengungen in der Region gewonnen wurden. Mit ersten Bohrungen sei nicht vor 2015 zu rechnen. Insgesamt sieht RWE Dea für die Produktion aus den drei Altfeldern im Raum Kiel ein Gesamtpotenzial von rund einer Million Tonnen Öl. Zum Vergleich: In der Mittelplate, dem größten Ölfeld Deutschlands, fördert der Konzern 1,38 Millionen Tonnen – jährlich.

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