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Hamburg Verschollenes Buch aufgetaucht
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00:16 28.10.2013
Ferdinand Tönnies (li.) starb 1936 in Kiel. Quelle: hfr
Kiel

„Von dem auf vier Teile angelegten Werk konnte 1935 nur der erste Teil erscheinen“, erläutert Uwe Carstens, Wissenschaftlicher Referent und Geschäftsführer des Kieler Vereins, der sich zur Aufgabe gemacht hat, Tönnies’ geistiges Erbe zu pflegen. Und auch der erste Teil kam nur dank eines mutigen Verlegers heraus. Die Nationalsozialisten hatten Tönnies faktisch ein Schreib- und Lehrverbot auferlegt. „Die übrigen Teile vom ,Geist der Neuzeit’ galten als verschollen, ja möglicherweise als gar nicht geschrieben.“

Nun steht fest: Es gibt sie doch. Das Manuskript besteht aus Hunderten eng beschriebenen und inzwischen recht vergilbten Seiten. Die Papiere liegen im Berliner Bundesarchiv. Aufspüren konnte Carstens sie allerdings nur mit einem größeren Umweg, der ihn über russische Archive führte. Carstens kam die Idee, im Nachlass von Tönnies’ Assistent Ernst Jurkat nach der Textvorlage zu suchen. Bekannt war schließlich, dass dieser zumindest einen Teil von Tönnies’ Schriften nach dessen Tod verwahrte. Jurkat war jüdischen Glaubens, wurde entsprechend massiv vom NS-Regime verfolgt und schloss sich der sozialdemokratischen Widerstandsgruppe „Deutsche Volksfront“ an, erläutert Carstens. „Und diese hatte ihre Zentrale in Moskau.“

Tatsächlich gibt das Findbuch eines Moskauer Sonderarchivs Hinweise auf den Nachlass von Jurkat. Sprachliche Schwierigkeiten bremsten allzu schnelle Recherchen, betont Carstens. Und die Ergebnisse waren darüber hinaus ernüchternd: In Moskau lag das Manuskript nicht. „Allerdings fand sich ganz unten auf der Seite eine Notiz, dass Teile des Jurkat-Nachlasses 1957 an das Staatsarchiv der DDR weitergegeben worden sind.“

Diese Archivalien sind nach der Wende ins Bundesarchiv übergegangen. „Und tatsächlich, dort fand sich endlich ein Manuskript des ’Geistes der Neuzeit’.“ Nach genauerer Prüfung des rund 600 Seiten starken Konvoluts stand fest: Nicht nur der bereits von Tönnies selbst herausgebrachte erste Teil, sondern auch die Abschnitte zwei, drei und vier sind erhalten. Die Suche hat insgesamt mehr als zehn Jahre in Anspruch genommen – „und war dabei auch von mancher Enttäuschung begleitet“, fügt Carstens an.

Inzwischen schreibt er jede Seite sorgsam ab, damit der gesamte „Geist der Neuzeit“ möglichst schon im kommenden Jahr als Buch erscheinen kann: „Mehr als 100 Seiten habe ich bereits transkribiert“, sagt Carstens. Aufgrund der zahlreichen handschriftlichen Korrekturen des Soziologen, Nationalökonomen und Philosophen, der von 1909 bis 1916 an der Christian-Albrechts-Universität lehrte, sei das mitunter gar nicht so leicht. Teilweise brauche er für eine Seite einen ganzen Tag.

Inhaltlich stelle der Fund einen „richtigen Meilenstein“ dar. Der zweite Teil schließe nahtlos an den bekannten ersten Teil an, charakterisiert Carstens das Werk: „Dort hat er das Fundament gelegt, auf das er im Folgenden empirisch Stein für Stein gesetzt hat.“

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