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Hamburg Meisterbafög wird zur Falle
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00:32 01.10.2014
Von Heike Stüben
Sissy Schmidt (21) will Erzieherin werden. „Eine unsinnige Regelung zwingt mich jetzt zum Abbruch der Ausbildung.“ Quelle: Paar

Eigentlich hat Sissy Schmidt alles so gemacht, wie es Politiker fordern. Sie entschied sich für den zukunftsträchtigen Beruf der Erzieherin. Als sie mit dem mittleren Schulabschluss die Zugangsvoraussetzungen nicht erfüllte, nahm sie einen Umweg in Kauf: erst eine Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistentin, dann zur Erzieherin.

 Für beide Ausbildungen gibt es kein Geld. Die Fachschüler müssen sich selbst finanzieren. Können die Eltern das nicht stemmen, gibt es Bafög – allerdings nur für eine Ausbildung. Um mehr junge Leute in Mangelberufe wie Erzieher zu locken, hat der Gesetzgeber noch eine Finanzierungsmöglichkeit für eine zweite Ausbildung geschaffen – im Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz AFBG. Für Sissy ist dieses Meisterbafög genannte Geld die einzige Chance, sich besser zu qualifizieren und Erzieherin zu werden. Sie beantragte die Förderung und bekam rund 600 Euro pro Monat bewilligt – ein Drittel schenkt ihr der Staat, zwei Drittel muss sie zurückzahlen. „Das ist es mir wert“, sagt die 21-Jährige.

 Sie wollte das Geld optimal einsetzen, informierte sich sorgfältig und entschied sich dann für die Europaklasse an der Elly-Heuss-Knapp-Schule in Neumünster. „Dort muss man zwei der drei Praktika im EU-Ausland machen. Das erschien mir sinnvoll, weil heute viele Kitas eine Betreuung auf Englisch anbieten“, erklärt Sissy Schmidt.

 Das dreimonatige Praktikum im ersten Ausbildungsjahr absolvierte sie gleich in London. „Für die Auslandspraktika bekommen wir zusätzlich ein Erasmus-Stipendium, sonst wäre das nicht finanzierbar. Ich habe mir mit einer zweiten Praktikantin ein Zimmer in London geteilt – ein Doppelbett, zwei Stühle, ein Schrank für 800 Euro im Monat. Da muss man schon sehr sparsam sein, aber es geht.“

 Doch jetzt, im zweiten Ausbildungsjahr, geht plötzlich nichts mehr. Sissy Schmidt soll das Meisterbafög nur noch bekommen, wenn die Schule Voraussetzungen erfüllt, die sie nicht erfüllen kann. Konkret: Während der drei- und sechsmonatigen Praktika muss zehn Prozent der Zeit durch Unterricht abgedeckt sein, erteilt von Lehrkräften.

 „Alle angehenden Erzieher machen ihre Praktika an verschiedenen Orten. Die Lehrer müssten also mehrere Tage bei jedem Schüler verbringen, oder die Schüler müssten jedes Mal für Unterricht hin- und herreisen. Das ist schon in Deutschland schwierig. Aber wie bitte sollen die Lehrer der Europaklassen das in anderen Staaten machen? Und wer unterrichtet in dieser Zeit an der Schule?“, fragt Sissy Schmidt. „Meine Fachschule kann das nicht leisten. Doch ohne die entsprechende Unterschrift auf dem Formular bekomme ich kein Geld mehr. Das bedeutet das Aus für meine Ausbildung. Das darf doch nicht wahr sein!“ Dabei hat die junge Frau längst ihren nächsten Praktikumsplatz sicher: in einer Kita in Wien. Am 27. Oktober sollte sie ihn antreten.

 Ihr Lehrer an der Elly-Heuss-Knapp-Schule bestätigt das Dilemma. „So leid es uns tut, aber wir können die Bescheinigung, die die Investitionsbank zur Bewilligung des Meisterbafög fordert, nicht unterschreiben“, sagt Oberstudienrat Horst Küppers. Zunächst habe man gehofft, dass man den geforderten Unterricht zu Beginn oder am Ende der Praktika machen könne. „Dann könnten wir das an unserer Schule bieten. Aber die Regularien lassen das nicht zu. Wir Lehrer müssen also tatsächlich jeden Schüler beim Praktikum vor Ort 33 oder 66 Stunden lang unterrichten“, erklärt Küppers.

 Das sei weder personell noch organisatorisch noch finanziell machbar. Einen Etat gibt es dafür nicht. Schon für ihre Pflicht-Besuche der Praktikanten müssen Lehrer kräftig zuzahlen. 150 Euro stehen pro Besuch vor Ort zur Verfügung. „Das reicht natürlich nicht, um nach London, Sevilla oder Helsinki zu fahren und einmal zu übernachten“, sagt Küppers. „Bei 27 Schülern zahlen wir schon jetzt Tausende Euro aus eigener Tasche.“

 Eine Praxis, die bereits die Steuerfahnder auf den Plan rief. Dort konnte man sich nicht vorstellen, dass Lehrer solche Kosten haben können. Es gab Durchsuchungen, Unterlagen wurden beschlagnahmt. Am Ende stellte ein Gericht fest: Die Lehrer zahlen bei den Kontrollbesuchen im europäischen Ausland tatsächlich massiv drauf und dürfen diese Kosten deshalb steuerlich absetzen. „Wir tragen die Kosten, weil wir Europaklassen für zukunftsweisend halten“, sagt Küppers. „Aber wir sind keine Kühe, die man melken kann und die jetzt auch noch tagelange Aufenthalte zahlen.“

 Bleibt die Frage, warum Sissy Schmidt während ihres ersten Praktikums eigentlich komplikationslos das Meisterbafög bekommen hat. Nach Informationen dieser Zeitung hat inzwischen das Wirtschaftsministerium – zuständig mit der I-Bank für die Gewährung des Meisterbafög – beim Bildungsministerium – zuständig für die Fachschulen – interveniert und gefordert, dass die Schulen die Praktika-Bestimmungen genau einhalten.

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