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Hamburg Segeberg: Jugendamt reagiert
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13:56 14.01.2014
Von Heike Stüben
In seinem Buch „Misshandelt“ hat Fabian Pee seine Erlebnisse in der Pflegefamilie geschildert. Quelle: sp
Kiel

Fabian Pee (28) hatte von 1991 bis 2001 mit seinem Zwillingsbruder in einer Pflegefamilie gelebt und ist dabei offensichtlich immer wieder wie ein Tier im mehrfach gesicherten Keller wie in einem Verlies eingesperrt worden, musste hungern, dursten, frieren und andere grausame und erniedrigende Bestrafungsrituale erdulden. Bis heute leidet er massiv unter den Folgen und fragt sich, warum die Quälerei nicht 1994 von den Behörden beendet wurde, als die Schwester der Pflegemutter direkt beim Jugendamt auf die Behandlung der Kinder aufmerksam machte. „Mir hätten sieben Jahren Misshandlungen erspart werden können. Doch das Einzige, was passierte, war, dass die Pflegemutter ihrer Schwester Hausverbot erteilte“, sagt Fabian Pee.

Warum wurde damals die Pflegschaft nicht beendet? In der aktuellen Stellungnahme des Jugendamts heißt es dazu: Die Pflegeeltern seien „sehr gefordert“ gewesen: „Der Eindruck zeitweiser Überforderung der Pflegeeltern verstärkte sich aufgrund der Meldung. Daher wurde ihnen erzieherische Unterstützung und Beratung angeboten. Der Verdacht auf Misshandlung bestand zum damaligen Verdacht nicht.“ Fabian Pee bringt das noch heute auf die Palme. „Wäre man nur einmal unangemeldet gekommen und hätte nachgeschaut, wie wir gehalten wurden und in welchem Zustand wir waren, wäre man zu einem anderen Ergebnis gekommen. Stattdessen kam nur nur jemand nach tagelanger Voranmeldung, um dann mit der Pflegemutter im Wohnzimmer Kaffee zu trinken.“ Unangemeldete Kontrollen, bestätigt auch das Jugendamt, gab es nicht.

Und wie würde man heute reagieren? Sofort würden zwei Fachkräfte unangemeldet einen Hausbesuch machen und die Lebensumstände der Pflegekinder in Augenschein nehmen und auch direkt mit den Kindern sprechen, schreibt Jugendamtsleiter Manfred Stankat. Pee hofft das. „Ich habe vergeblich darauf gewartet. Und ich frage mich, was wäre passiert, wenn ich mich nicht selbst aus dieser Situation befreit hätte? Selbst als ich 2012 Anzeige erstattete und persönlich beim Jugendamt war, habe ich ja nie mehr etwas vom Jugendamt gehört.“

Laut Stankat ist man, nachdem sich die Zwillinge 2012 ans Jugendamt gewendet hatten, hausintern verschiedenen Fragestellungen nachgegangen. Zum Beispiel, ob man Nachforderungen gegen die Pflegeeltern stellen könne. Man habe aber zunächst die weiteren Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abgewartet wollen.

Die Staatsanwältin stellte – wie berichtet – das Ermittlungsverfahren Anfang März 2013 ein: Die Straftaten seien verjährt, Misshandlung Schutzbefohlener liege rechtlich nicht vor, schrieb sie. Und: „Ich werde dieses Verfahren an die Aufsichtsbehörde für das Kreisjugendamt weiterleiten, um diesen Vorgang aufzuarbeiten.“ Das aber passierte nicht. Erst als diese Zeitung kürzlich um eine Stellungnahme bat, hat das Jugendamt mit der Aufarbeitung begonnen. Amtsleiter Manfred Stankat bietet außerdem den Betroffenen an, in einer „Fall-Werkstatt“ die Geschehnisse aufzuarbeiten und die Ergebnisse für die heutige Praxis des Pflegekinderdienstes auszuwerten. Das gehe aber nur auf freiwilliger Basis aller Beteiligten. Am kommenden Mittwoch wird sich auch der Jugendhilfeausschuss des Kreises mit dem Fall befassen.

Für Fabian Pee steht indes fest: „Hätte ich mein Martyrium nicht öffentlich gemacht, wäre der Fall offenkundig nie aufgearbeitet worden, und die Anzeige und die ganze psychische Belastung durch die Ermittlungen wären vollkommen sinnlos gewesen.“

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