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Hamburg Habeck fordert strikte Zuchtvorgaben
Nachrichten Hamburg Habeck fordert strikte Zuchtvorgaben
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06:54 12.08.2013
Fischzüchter Tassilo Jäger-Kleinicke (l) und sein Mitarbeiter Jörg Schumacher fangen auf der Kieler Förde in Kiel Lachsforellen aus schwimmenden Aufzuchtkäfigen. Quelle: dpa
Kiel

Fische im Käfig? Seit 30 Jahren wachsen unter diesen Umständen Lachsforellen in der Kieler Förde auf. 12 Tonnen im Jahr produziert Züchter Tassilo Jäger-Kleinicke, 500 Kilo Kaviar sind das edle Nebenprodukt, das der bärtige 61-Jährige auf dem Wochenmarkt verkauft. Es waren mal 30 Tonnen Forellen, teils lief es so gut, dass die Jahresproduktion in zehn Wochen verkauft war. „Heute brauche ich ein Jahr, um alles abzusetzen.“ Jäger-Kleinicke blieb übrig aus einem Quintett von Biologen aus dem damaligen Institut für Meereskunde, das einst gemeinsam das Abenteuer Fischzucht gewagt hatte.

Insgesamt kam die Zucht von Fischen, Muscheln, Krebstieren und Algen in Schleswig-Holstein letztes Jahr nicht recht voran. Während im Bundesschnitt Aquakulturen stark zulegten, gab es hier Rückgänge: Bei Fisch minimal von 178,6 auf 177,7 Tonnen, bei Muscheln von 10 600 auf 4800 Tonnen. Fischerei- und Umweltminister Robert Habeck (Grüne) strebt eine nachhaltige Aquakultur an, nach strengen Umweltkriterien. Ein Strategiepapier dazu liegt der Branche nun zur Diskussion vor.

„Gerade das Meer ist schon überdüngt und durch vielfältige Nutzungen wie Schiffsverkehr, Tourismus und Fischerei erheblich beansprucht“, sagt Habeck. Deshalb dürften Aquakulturen nicht zusätzliche Einträge von Phosphor und Stickstoff bewirken. Das Problem: Die Meere sind jetzt schon überdüngt. Geraten noch mehr Nährstoffe hinein, drohen verstärkt Algenblüten und im Extremfall Fischsterben und ganze „Todeszonen“ infolge Sauerstoffmangels. Das Artenspektrum im Meer könnte sich verändern. Den Einsatz von Antibiotika will Habeck weitgehend ausschließen.

„Medikamente verwenden wir nicht“, sagt Jäger-Kleinicke, dessen Forellen in acht 180 Kubikmeter-Käfigen aufwachsen. „Wir gehen mit dem Fisch so um, dass er nicht krank wird, keinen Stress bekommt.“ Gefüttert wird Mehl von Meeresfischen, die keiner isst. „Das Futter ist so konzentriert, dass ich nur die Hälfte brauche wie vor 30 Jahren.“ Ein Fisch lasse sich nicht unbiologisch aufziehen, sagt der 61-Jährige auch. „Ein Fisch ist kein blödes Huhn: Wenn er falsch behandelt wird, stirbt er schnell.“

Habeck möchte in offenen Haltungssystemen nur heimische Arten haben. Infrage kämen da vor allem Bereiche der Ostsee — unter Bedingungen: So dürfe sich der Zustand der überdüngten Ostsee nicht verschlechtern. Naturschutzgebiete scheiden auch aus. Prüfen will Habeck, ob Fisch- und Muschelzucht umweltverträglich miteinander kombiniert werden können und ob sich das Ganze wirtschaftlich lohnt.

Generell will sich Habeck der Aquakultur nicht verschließen: „Es ist eine Frage der globalen Verantwortung, ob wir uns in Deutschland einen schlanken Fuß machen, Fisch aus Aquakulturen in anderen Ländern essen und die Augen vor den Umwelt- und sozialen Folgen dort verschließen — oder ob wir hier unter besseren Umweltbedingungen Fisch produzieren.“ Deutschland importiere fast 90 Prozent der Fische, die hier verspeist werden — zunehmend aus Aquakulturen mit schlechteren Umwelt- und Sozialstandards als hier.

Bei Jäger-Kleinicke hat sich das Geschäft nach Einbrüchen in früheren Jahren wieder eingependelt. Der gewachsene Wunsch, direkt beim Erzeuger zu kaufen, trug dazu bei. Samstags verkauft er seine Ware auf dem Markt, mittwochs sein einziger Mitarbeiter. Die Kritik, ein Fisch brauche in der Zucht vier bis fünf Kilo, um ein Kilo zuzunehmen, hält der Mainzer, der zum Studium nach Kiel gekommen war, für krumm: „In der Natur braucht er auch so viel.“ Jäger-Kleinicke ist nicht nur Naturnutzer: Für die Rettung des lachsartigen Nordseeschnäpels (Maräne) vor dem Aussterben bekam er das Bundesverdienstkreuz.

Die traditionelle Teichwirtschaft will Habeck nicht ausdehnen, aber langfristig verbessern. Besondere Leistungen für Natur-, Arten- und Gewässerschutz möchte er mit EU-Geld belohnen. „Die Teichwirte betreiben hier schon lange nicht mehr nur Fischwirtschaft, sondern sorgen quasi nebenbei für praktischen Naturschutz.“ Aquakultur im Wattenmeer über die bestehende Muschelkultwirtschaft hinaus schließt Habeck aus. Seen, prinzipiell gut geeignet für Zucht in Netzgehegen, seien derzeit ebenfalls tabu, weil stark mit Nährstoffen belastet.

Mit den Verbänden wolle er offen diskutieren, sagt Habeck. Ziel sei ein gemeinsamer Weg zum behutsamen Ausbau einer nachhaltigen Aquakultur. Der Landesverband der Binnenfischer und Teichwirte wartet ab. „Für uns ist noch nicht absehbar, in welche Richtung es geht“, sagt Geschäftsführer Albrecht Hahn. Nachhaltigkeit sei vernünftig, heiße aber, dass Fisch nicht immer verfügbar ist. Und: Die Fischer wollten Regionales, dächten aber auch über nicht einheimische Fische nach, deren Zucht ökologisch sein könne, weil sie weniger Eiweiß bräuchten. Das zielt auf Pangasius und widerspräche Habecks Kurs.

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