14 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Schweben und schweben lassen

Seilbahn für Hamburg? Schweben und schweben lassen

Weltstädte wie New York, London, Barcelona, São Paulo oder Singapur sind eine Liga für sich. Denn diese Metropolen haben, wovon in Kiel noch geträumt wird: eine Seilbahn. Ob Hamburg künftig auch in dieser Liga spielt, soll sich dagegen schon am Sonntag entscheiden. Dann stimmen die Bürger über das 35-Millionen-Euro-Projekt ab.

Voriger Artikel
Netzausbau braucht sechs Milliarden Euro
Nächster Artikel
Angst vor dem ersten Schultag

Einmal über die Elbe gondeln: So wie auf dieser Fotomontage könnte es aussehen, wenn sich die Befürworter einer Seilbahn in Hamburg durchsetzen.

Quelle: Matthias Friedel

Hamburg. Die ehrgeizigen Pläne des Musicalbetreibers Stage Entertainment („Der König der Löwen“, „Das Phantom der Oper“, „Mamma Mia!“) und dem österreichischen Seilbahn-Hersteller Doppelmayr aus Bregenz sehen eine Verbindung vor, die in 80 Metern Höhe über den Hafen führt. Vom 92 Meter hohen Nordponton an der Glacischaussee auf St. Pauli soll es zu den Musical-Theatern am Südufer. gehen Eine Verlängerung der Strecke bis Wilhelmsburg und zu den Kreuzfahrtterminals wäre möglich, ist aber derzeit durch das Hafenentwicklungsgesetz unterbunden.

 Am Sonntag sollen rund 200000 Wahlberechtigte des Bezirks Hamburg-Mitte über den 35 Millionen Euro teuren Bau abstimmen. Die zuständige Bezirksversammlung hatte das luftige Projekt im vergangenen Jahr zu den Akten gelegt, mehr als 14000 Seilbahnfans aber brachten mit ihrer Unterschrift ein Bürgerbegehren pro Gondel auf den Weg. Und die Befürworter im Seilbahn-Wahlkampf (Motto: „Künftig schweben wir zum Dom“) führen gute Argumente ins Feld: Die Verbindung könnte das Verkehrsnetz entlasten – wobei es vorrangig um die Fähren geht, die bislang die Musical-Besucher zu den Veranstaltungen bringen. Die Seilbahn fahre mit Elektrostrom und gelte als eines der sichersten Verkehrsmittel. Sie würde Touristen anlocken und den „Sprung über die Elbe“ für 3000 Fahrgäste pro Stunde ermöglichen. Vor allem aber, und das ist das wichtigste Argument der Pro-Gondler: Die Bahn würde den Steuerzahler nichts kosten. Denn das Projekt ist rein privatwirtschaftlich finanziert und – so das Versprechen – würde nach zehn Jahren wieder demontiert.

 Bürgerschaftsabgeordnete machen eine andere Rechnung auf: Eine runde Million Euro könnten die Hamburger Verkehrsbetriebe pro Jahr durch die neue Konkurrenz verlieren – am Ende würde doch der Steuerzahler belastet. Zudem koste eine einfache Fahrt sechs Euro – zu teuer.

 „Kein Disneyland auf St. Pauli“, wettern die Gegner. Die Gründerin der Initiative „Keine Seilbahn von St. Pauli über die Elbe“, Kiez-Anrainerin Sabine Hirche (32) sagt: „Ich hatte sofort ein Bild von riesigen Stahlpfeilern im Kopf, die ein Seil über unsere geliebte Elbe spannen und das wunderbare Hafenpanorama zerstören würden.“ Auch die Grünen sind dagegen: Zu teuer, zu hässlich – die Seilbahn sei lediglich ein „Musical-Zubringer“. St. Pauli könnte, so meinen viele zwischen Hafenstraße und Millerntor, weiter kommerzialisiert werden.

 Hauptnutznießer sei nun einmal Musical-Multi Stage Entertainment, heißt es von den Kritikern. Abend für Abend zieht der Disney-Evergreen „König der Löwen“ mehr als 2000 Besucher an. Das neue Musical „Das Wunder von Bern“ könnte zusätzliche 1800 Gäste nach Steinwerder locken. Auch deshalb zeigen sich Kommunalpolitiker wie SPD-Mann Andy Grote reserviert. St. Pauli, so der 46-Jährige Bezirksamtschef, sei kein Freizeitpark, sondern Heimat.

 Aber ist die Suche nach Vergnügen nicht das Wesen St. Paulis? Travestiekünstler Olivia Jones, der seit vielen Jahren im Kiez lebt, outet sich als – nachdenklicher – Befürworter: „Unterm Strich scheint für mich das Projekt immer noch mehr Chance als Risiko zu sein, vor allem, weil es bestimmt nicht das Klientel nach St. Pauli lockt, vor dem sich Anwohner fürchten. Wodka-Zapfhähne an Bord der Gondeln sind jedenfalls, soweit ich weiß, noch nicht geplant.“ Und mit dem Unternehmer Albert Darboven haben die Befürworter einen Kaufmann in den Reihen, der in bester hanseatischer Tradition argumentiert. Man dürfe sich Neuem nicht verschließen. Gerade in Hamburg „sollten die Menschen wissen, dass man an und wann zu neuen Ufern aufbrechen muss.“ (Harald John)

Voriger Artikel
Nächster Artikel