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Hamburg Heute Schüler und morgen Soldat
Nachrichten Hamburg Heute Schüler und morgen Soldat
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08:30 16.06.2014
Von Annemarie Heckmann
Viele erinnern sich an den Pastor Theodor Pinn vor allem als Gründer der Waldkapelle „Zum ewigen Troste“ in Neuwühren: Hier zeigen Manfred Hartwig und Hans Gronau vom Kapellenverein das Pinn-Porträt, das der Maler Heinrich Basedow seinerzeit geschaffen hat. Quelle: *
Kiel

„Nun das war eben wieder ein Sieg. Hurra, Hurra.“ Dass er dies lauthals zuhause und in der Schule vor den Lehrern skandieren würde, mag sich Theodor Pinn zu Beginn des Jahres 1914 sicher nicht gedacht haben. Als der Krieg ausbrach, hat er Sommerferien, er ist auf dem Land bei Verwandten. Schluss mit der Idylle, er muss zurück nach Kiel. Der Schüler der Oberrealschule I in der Waitzstraße (später Hebbelschule) sieht die Truppen, die mit den Zügen anrollen, wie sie exerzieren. Mehrfach am Tag gibt es Extrablätter der Zeitungen – und in der Stadt kaum ein anderes Gesprächsthema als den Krieg. Theodor wohnt mit seiner Schwester Anneliese und den Eltern in der Prüne. Der Vater hatte sich zum Buchhalter bei einer Kieler Zuckerhandelsgroßfirma hochgearbeitet, die Mutter war Tochter eines Flensburger Schlossermeisters, kümmert sich als Hausfrau um Mann und die beiden Kinder. Das Geld ist knapp, und Theodor kann nur auf die Oberschule gehen, weil er wegen seiner guten Leistungen „Gratisschüler“ ist. Schon während der Mobilisierung muss die Familie zusammenrücken – weil, wie in vielen Haushalten, Reservisten einquartiert werden.

 Am 13. August 1914 ist wieder Schule. In Theodors Klasse sind nur noch 13 statt 25 Schüler, einige sind schon als Freiwillige beim Militär, andere helfen bei der Ernte. Auch fehlen Lehrer. Der Unterricht wird mit anderen Klassen gebündelt. Die halbe Stadt ist auf den Beinen. Wenn am Bahnhof Soldaten verabschiedet werden, singen Passanten mit den Familien „Die Wacht am Rhein“, notiert der 15-Jährige ebenso wie anhaltende „Hurra“-Rufe. Im Hafen liegen unzählige Schiffe, plötzlich alle einheitlich grau gestrichen. Mutter und Schwester sind daheim, müssen Matrosenkleidung nähen. „Das Vaterland“, schreibt Theodor, „steht groß über den kleinlichen Sorgen des Alltags.“

 Er brennt darauf, sich einzubringen, will bei der Post mitarbeiten, als Schreiber im Rathaus, ist „ganz entrüstet“, da er nicht genommen wird – schließlich gehen alle davon aus, dass zu Weihnachten alles vorbei ist. Am 8. September 1914 heißt es im Tagebuch, dass er nun in einer Liste für die Jugendwehr eingetragen sei. „Ich bin oft schon so begeistert, dass ich glaube, schon ein Gewehr in der Hand zu haben. Oftmals lege ich die Hand an die Mütze, aber immer, wenn mich niemand sieht…“

 Der Krieg schweißt alle zusammen: Am 11. September 1914 notiert er: „Wahrlich, so etwas hat Deutschland lange nicht gesehen. Alles Parteihadern hat aufgehört. (…) Ich glaube, unser jetziger Kampf gleicht dem Preußens im Jahr 1806. Deutschland lässt sich nicht mehr unterkriegen.“ Kurz darauf macht er bereits – parallel zum Unterricht – Wehrübungen. Auch das kommentiert er immer wieder mit „Hurra“ in seinem Tagebuch.

 Der Kieler Historiker Martin Rackwitz hat Pinns Aufzeichnungen erforscht und Teile davon in seinem Buch „Kriegszeiten in Kiel, Alltag und Politik an der Heimatfront 1914/18“ veröffentlicht. Er betont, dass Theodors sehnlichster Wunsch, zu Kriegsausbruch auch Soldat werden zu dürfen, die Wertvorstellungen der Jugendlichen spiegelt, die auf dem Höhepunkt der Wilhelminischen Ära aufgewachsen sind – eine Zeit, in der das Militär eine übermächtige gesellschaftliche Stellung hatte. Diese Geisteshaltung sei Ergebnis der preußischen Lehrpläne an den höheren Schulen gewesen. Der Drill zu Treue zum Vaterland, Pflichterfüllung zog sich durch alle Fächer, egal ob Deutsch- und Geschichtsunterricht, ob Fremdsprachen und Geografie. Und eine „falsche“ politische Meinung konnte einem Schüler durchaus eine schlechte Note bescheren.

 Als 18-Jähriger darf er dann nach einem Notabitur endlich zum Heer. Nach der Ausbildung in Schleswig und im Lokstedter Lager bei Itzehoe, zieht er im April 1917 ins Feld. Schon kurz darauf kommt ein Schlüsselerlebnis für ihn. Bereits im Mai 1917 schildert Pinn in seinen Aufzeichnungen, wie sie eine Kompagnie bei Roeux (Arras) ablösen sollen. Sie werden von den Engländern angegriffen, die Angriffe kommen vier Tage lang in Wellen, es gibt viele Tote – dazu die pure Lebensangst. Er schreibt: „Von Granaten umgepflügt das Land, so weit es zu überblicken ist. Kein Haus, kein Baum mehr, nur die Betonunterstände schwimmen gleichsam auf dem Schlamm.“ Und er bekennt: „Ich kann’s nicht ändern, es ist so und ich will es offen sagen. Ich habe keine Lust zum Kriege, es wird mir furchtbar schwer, zur Truppe zurückzukehren. Je länger ich im Kriege bin, umso mehr Angst habe ich bekommen. Das geht mir nicht allein so, es geht allen so.“

 Bis September 1918 ist Pinn als Soldat und Meldegänger in einem Infanterieregiment an der Westfront in Frankreich und Belgien, bekommt das Eiserne Kreuz verliehen und wird noch zum Unteroffizier befördert. Das Kriegsende erlebt er in der Nähe von Posen – wohin er gerade zu einem Offiziersanwärterkurs abkommandiert worden war.

 Theodor Pinn beschließt, Theologie in Kiel und Marburg zu studieren. 1923 macht er in Kiel Examen. Warum diese Hinwendung zur Religion, die in der Familie so nicht gelebt worden war? Martin Rackwitz vermutet, das gerade die Zuflucht zu Gott, das Vertrauen auf dessen Schutz, im Krieg eine überlebenswichtige Erfahrung für viele Soldaten war.

 Pinn übernimmt am 1. November 1931 die Pfarrstelle in Flemhude. Er ist mittlerweile ein überzeugter Lutheraner, entschlossen, für seinen Glauben zu streiten. Dieser Streit bleibt nicht lange aus. Als die Nationalsozialisten mit den „Deutschen Christen“ beginnen, die evangelische Kirche gleichzuschalten, nimmt er den Kampf auf. Am 30. März 1937 wird er unmittelbar vor dem Gottesdienst verhaftet. Die Gestapo erwirkt seine Ausweisung. Pinn muss Schleswig-Holstein verlassen. Erst 1946 kehrt er an seine Pfarrstelle nach Flemhude zurück, 1948 wechselt er nach Kiel. Lange Jahre ist er an der Stephanuskirchengemeinde im Kieler Stadtteil Kroog. Viele erinnern sich an ihn als einen „kantigen Pastor“. Er ist auch Initiator der Waldkapelle „Zum ewigen Troste“ im Forst von Kiel-Rönne. Theodor Pinn lebt zuletzt in Glücksburg und stirbt dort am 23. Dezember 1989 mit 91 Jahren.

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