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06:10 30.07.2013
Die Studenten Judith Wulff und Jan Hermelink sitzen zusammen mit Heimbewohnern im Garten des Kurt-Engler-Hauses in Kiel-Holtenau. Quelle: dpa
Kiel

Wenn Jan Hermelink die Stimme von Volksmusik-Moderator Florian Silbereisen aus den Nachbarzimmern hört, weiß er, dass eigentlich ein guter Zeitpunkt für eine kleine Party wäre. «Ich habe schon ein paar Mal mit Freunden gefeiert, nie gab es Stress. Aber es kann auch sein, dass sie uns einfach nicht gehört haben - die Fernseher sind hier immer etwas lauter aufgedreht», sagt der Student. Der Grund für die Hörprobleme in Hermelinks unmittelbarer Nachbarschaft: Sie hat ein Durchschnittsalter von über 80 Jahren. Der 22-Jährige wohnt in einem Seniorenheim in Kiel.

   95 Appartements hat das Kurt-Engert-Haus im Stadtteil Holtenau, in sechs leben nach Angaben der Verwaltung angehende Akademiker. Begonnen hat das Projekt 2011. Verpflichtende Aufgaben haben die Studenten keine, sagt Leiter Hermann-Josef Stevens. «Es gibt aber Vorteile: Sie sind zu anderen Zeiten auf den Beinen und gehen andere Wege. Bei uns passen Jüngere auf Ältere auf und umgekehrt», erklärt er. Die Studenten zahlen 200 Euro für rund 25 Quadratmeter und Nebenkosten. Internet kommt oben drauf. Die Uni ist mit dem Bus in rund 15 Minuten erreicht. In Kiel, das wie viele Uni-Städte von studentischer Wohnungsnot geplagt ist, findet das Angebot dankbare Abnehmer. Ähnliche Projekte gibt es auch in anderen Städten, etwa in Hannover.

   «Frau Buck, hier ist der Student!», ruft Jan Hermelink, nachdem bereits ein Weilchen seit seinem Anklopfen an Frau Bucks Tür vergangen ist. Bedächtig öffnet die 83-Jährige etwas später. Sie freut sich sichtlich über den Besuch des Geschichtsstudenten. «Es ist gut, wenn ein bisschen Jugendlichkeit reinkommt», sagt Gerda Buck und lässt sich wieder in ihren schweren Sessel fallen. «Aber: Er könnte schon noch ein bisschen mehr erzählen», sagt sie. «Frau Buck, das stimmt so nun aber auch nicht!», verteidigt sich Hermelink. Frau Buck hätte ihm auch schon mal in der Not Geld geliehen, erzählt er. Seit 2011 wohnt er mit ihr auf einem Gang.

   Auch die 19 Jahre alte Psychologie-Studentin Judith Wulff kennt die älteren Semester in der Nachbarschaft mittlerweile bestens. Sie hat ihr Appartement im vergangenen Dezember bezogen. «Wenn Familienmitglieder vorbeikommen, werde ich häufig mit dem Pflegepersonal verwechselt», erzählt Wulff. Einmal pro Woche klopft ihre Nachbarin an die Tür, weil ein Einmachglas nicht aufgehen will. Aber wie Hermelink schätzt sie, dass es bei den Senioren ruhiger zugeht als in manchen Wohngemeinschaften oder Studentenwohnheimen. Abgesehen von den Problemen, überhaupt ein Zimmer zu finden.

   In Deutschland studieren derzeit gut 2,5 Millionen Menschen. Insgesamt gebe es noch einen Bedarf von rund 70 000 Wohnungen für Studenten, schätzt der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, Achim Meyer auf der Heyde. Auch in Kiel verzweifeln viele der rund 24 000 Studenten regelmäßig bei der Suche nach einer Bleibe. Vor allem im Wintersemester, in dem viele Studiengänge beginnen, sei es chaotisch, beklagt der Allgemeinen Studierendenausschuss der Uni.

   «Für mich ist das kein Notnagel, ich finde es toll», sagt Jan Hermelink. Er hat es sich mittlerweile an einem seiner Lieblingsorte im Haus gemütlich gemacht: Einem Gemeinschaftsraum fast unterm Dach mit Blick auf die Kieler Förde. Meist ist er hier allein. Seine Nachbarn scheuen den etwas mühsamen Gang so hoch hinaus. Ehrenamtlich sortiert Hermelink zudem die Bibliothek des Hauses, vieles stammt aus Beständen verstorbener Bewohner. Vom ungewöhnlichen Wohnort des Studenten hat bereits einer seiner Geschichtsdozenten profitiert. Kürzlich schenkte ihm Hermelink eine seltene Originalveröffentlichung, die er beim Entrümpeln gefunden hatte. Das Buch war noch aus NS-Zeiten übriggeblieben.

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