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00:16 27.05.2014
Windsurfen ist ihr Leben: die 75-jährigen Zwillinge Manfred und Jürgen Charchulla. Quelle: dpa
Fehmarn

Palmen wehen im Wind. Papageien flattern vor der Fehmarnsundbrücke am Himmel. Auf seinen farbenfrohen Gemälden vermischt Manfred Charchulla Fehmarn und Panama, die Orte, an denen er und sein Zwillingsbruder Jürgen zu Hause sind. Die Bilder hängen in Manfreds Surfschule in Burgtiefe auf Fehmarn und sind so bunt wie der Lebenslauf der Charchulla-Zwillinge.

 Braungebrannt, mit dicker Surfermähne, langen Seemannsbärten und stahlblauen Augen sitzen die „Surftwins“, wie sich die Zwillinge nennen, in der Karibikbar der Surfschule. Wenn sie aus ihrem Leben erzählen, beginnt eine spannende Reise zu den Anfängen des Windsurfens. Wortfetzen und Sätze fliegen zwischen den Brüdern hin und her, vom jeweils anderen durch raues Lachen, Kopfschütteln oder zustimmendes Nicken kommentiert. Sie sind ein eingespieltes Team, das viel gemeinsam erlebt hat.

 „Zu Beginn wussten die Leute nicht einmal, wie man „surfen“ schreibt. Fiel das Segel ins Wasser, dachten die, unser Mast sei gebrochen, und die Wasserschutzpolizei kam“, erzählen die Charchullas von ihren Surfanfängen am Möhnesee bei Lippstadt. Ein echter „Masthochziehsport“ sei das Windsurfen damals gewesen. „Denn den Wasserstart kannten wir noch nicht“, erklärt das Windsurfduo, das in Wittenberge an der Elbe geboren ist und seine Kindheit in Verden an der Aller verbrachte.

 Bevor die Charchullas erstmals auf einem Windsurfbrett stehen, erkunden sie die Meere der Welt an Bord von Schiffen. Im Alter von 15 Jahren heuern sie gemeinsam als Schiffsjungen an, durchlaufen die Ausbildung zum Ersten Offizier und bleiben der Seefahrt rund 15 Jahre treu. Danach erlernen beide zunächst bodenständige Berufe an Land, bevor sie Surflehrer werden. Auf einer Weltreise kommt Manfred Charchulla mit dem Wellenreiten in Kontakt. Noch heute schwärmt er von den wunderbaren Wellen unterwegs.

 Als die beiden in Deutschland nach der perfekten Welle suchen, hören sie auf Sylt von jemandem, der auf seinem Surfbrett einen Mast stehen hat. Die Zwillinge gucken sich das Board an und beschließen: „Müssen wir nachbauen.“ Doch das Ergebnis ist nicht zufriedenstellend. „Das Baumwollsegel war tonnenschwer, wenn es ins Wasser fiel. Da habe ich den Mast festgestellt und ein Ruderblatt und Ausleger ans Board gebaut. Bumm, hatte ich einen Trimaran und dachte: Das ist doch kein Windsurfen“, zeigt Manfred Charchulla lachend auf ein Foto aus jener Zeit. So kamen die Windsurfbretter sehr gelegen, die die Zwillinge im Auftrag des Sylter Surf-Urgesteins Calle Schmidt fortan in Deutschland vertrieben. „Für drei verkaufte Bretter bekamen wir eins geschenkt“, erzählen die Surftwins. Mit dem angesammelten Material gründen sie Mitte der 1970er-Jahre Surfschulen an den deutschen Küsten.

 „Manfred ist mit seinem umgebauten Krankenwagen als mobile Surfschule von einem Strand zum anderen gefahren und hat Einheimische angelernt, die die Schulen innerhalb unseres Verbandes „Norddeutsches Windsurfer Centrum“ weiterführten“, erklärt Jürgen Charchulla. Das Schulungsprinzip der Zwillinge ist simpel: Die Bretter der Surfschüler sind an einer fünf Meter langen Leine angebunden. Per Megafon geben die Lehrer von Land aus Anweisungen. „Das System hat nur Vorteile: Der Mensch haut nicht ab, und der Lehrer ist immer dabei“, meinen die Brüder, die mit ihren Frauen zwei Surfschulen auf Fehmarn betreiben.

  Als den Surftwins selbst das Windsurfen auf Binnengewässern zu langweilig wird, beschließen sie: „Jetzt müssen wir uferlos surfen.“ Nicht irgendwo, sondern über den Ärmelkanal nach England. Mit ihrem selbst konstruierten „Kanalbeschlag“, einem Trapezvorläufer aus Holz, im Gepäck fahren sie nach Testfahrten am Jadebusen 1975 mit einigen Surfern nach Calais. Außer den Zwillingen tritt nur der Kieler Bernd Ullrichs die Überquerung mit an. „Die anderen saßen im Beiboot und haben von da aus dösig geguckt“, sagt Manfred Charchulla in der saloppen Redeweise der Zwillinge. „Ärmelkanal zu Fuß auf einer bügelbrettähnlichen Unterlage mit Segel überquert“ beschreibt eine Zeitung damals den Surftrip von Calais nach Dover. Jürgen Charchullas Surfbrett von einst ist seitdem im Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven ausgestellt.

 Zwei Jahre nach der Kanalüberquerung bei glatter See wollen die Zwillinge das Surfen auf dem Meer bei Wind ausprobieren. Auf einem Windsurftandem surfen sie in 14 Stunden 144 Kilometer von Hanstholm an der Nordspitze Jütlands nach Norwegen. „Wir waren so schnell, dass das Begleitboot nicht folgen konnte. Alles ohne Fußschlaufen. Wir haben hunderte Male im Wasser gelegen, weil das Segel uns ständig über den Dampfer hinwegzog“, erinnert sich Jürgen Charchulla. Sein Bruder fährt fort: „An Land kam die norwegische Polizei und wollte unsere Pässe sehen. Hatten wir natürlich nicht mit. Da haben sie das Hotel umstellt, und wir haben uns erstmal 20 Stunden ausgepennt.“ Im Alter von 71 Jahren starten die Charchullas erneut zum Langstreckensurfen: Auf einem rund 16 Meter langen Surfbrett überqueren sie mit sechs weiteren Windsurfern den Fehmarnbelt. „Wir waren nur ein paar Minuten langsamer als die Fähre“, sagen sie grinsend.

 150 Jahre Surfgeschichte haben die Charchullas im Doppelpack bisher geschrieben. Dazu, dass Fehmarn heute ein bekannter Surfspot ist, haben die Brüder maßgeblich beigetragen, obwohl sie mit ihrer mobilen Krankenwagen-Surfschule anfänglich auf der Insel nicht so gerne gesehen wurden. Mittlerweile ist ihr Name mit Fehmarn fest verbunden. Eins ihrer nächster Ziele: ein neues Zuhause für ihr Surfmuseum finden. Ein geeignetes Grundstück gibt es, nur ein Sponsor für die Halle fehlt noch. Außerdem würden sie gerne einmal in Kiel auftreten, denn schon ihr ganzes Leben lang machen die Charchullas zusammen Musik, am liebsten karibische. Mit ihren Bands „Steeltwins“ und „Los Sombreros“ treten sie regelmäßig auf.

 Der Windsurfvirus hat die Surftwins nie wieder losgelassen: Immer noch zieht es sie zum Surfen und Kiten aufs Wasser, sobald es weht – im Sommer hierzulande, im Winter in wärmeren Gefilden. „Durch die Seefahrt wurden wir Tropenfahrer. Die Sonne im Winter hält uns fit“, sagt Manfred Charchulla. Auch ihren 75. Geburtstag haben die beiden mit einheimischer Beachband und eigener Steelband in Panama gefeiert, wo sie ein Haus und Pferde besitzen.

 „Es gibt nichts Schöneres, als bei Wind und Wellen mit dem Surfbrett rauszugehen“, sagt Manfred Charchulla am Ende des unterhaltsamen Abends in seiner Karibikbar. Seine Augen leuchten blauer als das Meer, und es ist klar: Mit dem Surfen ist bei den Charchullas noch lange nicht Schluss. Der Traum vom Windsurfen geht weiter.

Von Katrin Heidemann

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