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Hamburg Die Insel ohne Einheimische
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00:16 28.03.2014
Von Sven Hornung
Für viele Familien ist Sylt längst zu teuer geworden. Quelle: Nawe
Sylt

Wie und wann die Fehlentwicklung ihren Anfang nahm, weiß Jan Rehm auch nicht mehr. Vielleicht vor 30 Jahren, aber das sei auch gar nicht wichtig. Wichtig sei nur, ob man das Problem noch in den Griff bekommen kann. Der 23-Jährige schaut in Richtung Westerländer Rathaus. „Es fehlt an allen Ecken und Enden. Ich halte es hier nicht mehr aus.“

Jan Rehm ist gebürtiger Sylter, Verkäufer in einem Modegeschäft und engagiert sich in Westerland bei der freiwilligen Feuerwehr. Er wohnt auf gerade mal 19 Quadratmetern, zahlt aber jeden Monat 450 Euro Kaltmiete. An die Wohnung sei er nur durch Beziehungen gekommen, vorher wohnte er auf 15 Quadratmetern außerhalb von Keitum – für 650 Euro. „Ich mag gar nicht mehr meine Facebook-Seite öffnen“, sagt er. „In meinem Bekanntenkreis dreht sich alles nur noch um die Themen Geburtsstation und Puff.“

Der Politik wolle er keinen Vorwurf machen, denn auch der Bürgermeisterin seien die Hände gebunden. Aber zusammen mit seiner Freundin wolle er noch in diesem Jahr auf das Festland ziehen. Und seinen Arbeitgeber habe er bereits gebeten, die Filiale wechseln zu dürfen. Rehm wünscht sich einen höheren Lebensstandard und Kinder. Und er will sich endlich einmal das leisten können, was ihm auf Sylt Tausende Gäste vorleben: Urlaub.

Das Urteil um die Schließung der Geburtsstation hängt wie ein Damoklesschwert über Deutschlands Promi-Insel. Beim Thema Geburtshilfe horchen selbst die gut betuchten Insulaner auf, die an der Westerländer Peripherie sonst nichts aus der Ruhe bringen kann. Überall, in Geschäften, Cafés und Restaurants, liegen Unterschriftenlisten aus. Wo man sich auch umhört: Die Einheimischen sind darüber entsetzt, wie der private Klinikträger Asklepios die medizinische Grundversorgung auf Sylt beschneidet. Besonders Eltern von Neugeborenen und werdende Mütter haben sich zusammengeschlossen und kämpfen für den Erhalt der Geburtshilfe – doch ohne Erfolg. Über ihre gemeinsame Facebook-Seite „Sylter Inselkinder – keine Geburten, keine Kinder, keine Zukunft“ koordinieren sie die Protest-Aktionen. „Wir geben nicht auf“, sagt Melanie Lorenzen. Die 32-Jährige war eine der letzten fünf Frauen, die ihr Kind in der Asklepios-Klinik zur Welt brachte. Dabei kam es zu Komplikationen.

Es war der 5. Dezember vergangenen Jahres. Orkan Xaver wütete über der Nordseeinsel. Die Wehen setzten ein, Melanie Lorenzen fuhr gegen 14.30 Uhr in die Klinik. Ihre Fruchtblase war geplatzt, der Muttermund öffnete sich – doch Leo kam nicht. In der Nacht zum Nikolaustag diagnostizierten die Ärzte einen Geburtsstillstand. Eine natürliche Geburt war nicht mehr möglich, also bereitete das Ärzte-Team einen Not-Kaiserschnitt vor.

Die Geburt glückte, aber der Zustand von Mutter und Sohn blieb aufgrund des Erschöpfungszustandes und des starken Blutverlustes kritisch. Der kleine Leo hatte zudem einen niedrigen Puls, eine schlechte Sauerstoffsättigung und zeigte wenig Reaktionen. Der Leitende Kinderarzt versorgte die beiden drei Tage lang rund um die Uhr. Eine Weiterversorgung auf dem Festland war wegen des Orkans nicht möglich, weil der Hubschrauber die Insel nicht anfliegen durfte. „Wäre die Geburtsstation damals schon geschlossen gewesen, wäre ich jetzt ein kinderloser Witwer“, sagt Vater Lasse Lorenzen. Ihm geht es nicht nur um den Tag der Geburt: „Selbst bei Kreislaufproblemen oder wenn eine Infusion im Verlauf der Schwangerschaft verabreicht werden muss, sollen wir nun extra aufs Festland fahren. Das ist ein Skandal.“

Seit Jahresbeginn müssen schwangere Sylterinnen zwei Wochen vor dem Stichtag aufs Festland ziehen und im „Boardinghaus“ des Flensburger Krankenhauses oder in Niebüll auf die Geburt warten. Die Unterbringung zahlen die Kassen. Dass die Empfehlung nicht immer umgesetzt werden kann, zeigt das Beispiel einer 28-jährigen Morsumerin. Steffi Jansen kam Mitte Januar nicht mehr rechtzeitig von der Insel herunter und brachte ihr Kind im heimischen Badezimmer zur Welt – eine Geburt wie anno dazumal, im friesischen Bauernhof der Familie.

 So etwas käme für Anja Kloth nicht infrage. Sie ist Restaurantfachfrau in Westerland und wohnt mit Mann und Hund in einem kleinen Ein-Zimmer-Appartement. „Wir haben unsere Kinderplanung erst einmal verschoben“, sagt die 34-Jährige. „Mit einem Kind müssten wir die Insel verlassen, weil wir uns Sylt dann nicht mehr leisten könnten.“

 Etwas außerhalb der Innenstadt, in einer gediegenen Reihenhaussiedlung, hat es sich Familie Eichhof in einer modernen Zwei-Zimmer-Wohnung gemütlich gemacht. Arne Eichhof (30) wohnt dort mit seiner Freundin Bente (22) und der gemeinsamen Tochter Lotta (21 Monate) in der oberen Etage zur Untermiete. Für 50 Quadratmeter zahlen die drei 900 Euro warm. Zwar besitzen ihre Familien auf der Insel durchaus Eigentum, und dennoch will das junge Paar auf eigenen Füßen stehen. „Wir wollen uns nicht beschweren, uns geht es ja gut. Aber die Wohnungssuche ist schon extrem“, sagt Arne Eichhof. Ihre erste gemeinsame Wohnung mussten die gebürtigen Sylter schnell wieder verlassen. Ein Makler hatte Eichhof den Schimmel an den Wänden verschwiegen. Als der junge Mann aus dem Urlaub zurückkehrte, musste er feststellen, dass sein Vermieter den Pilz nur übergestrichen hatte.

In ihrer neuen, kleinen Dachgeschosswohnung fühlen sich die Eichhofs zwar wohl, müssen aber dennoch bereits den nächsten Umzug planen. Bente erwartet ihr zweites Kind, und Lotta würde sich über ein eigenes Zimmer freuen. Derzeit steht ihr Bett in der Abstellkammer.

Einer, der sich besonders von der Landesregierung allein gelassen fühlt, ist Lars Schmidt, Mitbegründer der „Insel-Liste Zukunft.Sylt“. Seine Initiative kam bei der vergangenen Kommunalwahl auf 5,1 Prozent der Stimmen und zog mit zwei Vertretern ins Rathaus ein. „Wenn die Anwälte der Landesregierung sagen, es sei letztlich die eigene Entscheidung der Menschen, auf einer Insel zu wohnen, dann schlage ich beide Hände überm Kopf zusammen“, sagt er. Schmidt hat seine Insel noch nicht aufgegeben. Er träumt von einem modernen, konkurrenzfähigen und lebenswerten Sylt – und er möchte Wohnraum schaffen, zum Beispiel auf dem Gelände des alten Fliegerhorstes im Zentrum der Insel, das unter Auflage der Renaturierung günstig vom Bund erworben wurde. Schmidt wirkt zuversichtlich. Er ist die Exodus-Stimmung leid.

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