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Kultur „3 Tage in Quiberon“: Tragödie eines Weltstars
Nachrichten Kultur „3 Tage in Quiberon“: Tragödie eines Weltstars
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05:02 12.04.2018
Sie lacht, aber sie ist unglücklich: Romy Schneider (Marie Bäumer) auf den Felsen am Meer. Quelle: Foto: Prokino
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Hannover

Wenn sich das deutsche Kino seinen größten weiblichen Stars nähert, ist Vorsicht geboten: Ehrfurcht, Anbiederung und Vollständigkeitsanspruch gehen gewöhnlich eine schwer genießbare Melange ein. Marlene Dietrich wurde zu „Marlene“ (verkörpert von Katja Flint), Hildegard Knef zu „Hilde“ (Heike Makatsch) und Romy Schneider im TV zu „Romy“ (Jessica Schwarz). Dabei strebten doch alle drei Weltstars mit wachsender Verzweiflung danach, ihr Leben zu verteidigen gegen das Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihnen machte.

Schon der Titel von Emily Atefs Drama weckt Hoffnungen, dass diese Begegnung tiefer dringen könnte als die üblichen gut abgehangenen Stationendramen: „3 Tage in Quiberon“ will eben nicht das komplette Leben Romy Schneiders nacherzählen. Hier ersetzt die Konzentration auf einen winzigen zeitlichen Ausschnitt den Zugriff aufs große Ganze.

Marie Bäumer spielt Romy Schneider beängstigend perfekt

Emily Atef („Das Fremde in mir“, „Töte mich“), 1973 in Berlin geborene Regisseurin mit französisch-iranischen Wurzeln, fokussiert sich auf jene drei Tage im März 1981 im bretonischen Küstenstädtchen Quiberon. Damals führten der „Stern“-Journalist Michael Jürgs und der mit Schneider befreundete Fotograf Robert Lebeck in einem Kurhotel ein legendäres Interview mit Schneider, von dem Jürgs bis heute zehrt. Vor der Premiere bei der Berlinale erschien ein mehrseitiger Text von ihm in der „Süddeutschen Zeitung“, in dem er sich ganz kokett von all den anderen „journalistischen Bluthunden“ abzusetzen versuchte.

Marie Bäumer spielt Romy Schneider so umwerfend zwischen ansteckendem Lachen und stillem Schmerz: Ihre Verwandlung ist geradezu beängstigend perfekt. Das milde Schwarzweiß dieses elegischen Films tut ein Übriges, um Lebecks Fotografien von damals lebendig werden zu lassen – besonders jene berühmten Bilder an der bretonischen Küste, in denen Schneider auf Felsen herumturnt. Man kann Bäumer verstehen, dass sie lange gezögert hat, Schneider ihr Gesicht zu leihen, so verblüffend ist die Ähnlichkeit. Dieser Film ist nicht nur eine Wiederbegegnung mit Romy Schneider, sondern ein bisschen auch eine Neuentdeckung der Schauspielerin Marie Bäumer.

Eigentlich hielt sich Schneider zur Entgiftung von Körper und Seele in Quiberon auf. Sie wollte Kraft schöpfen für ihren nächsten Film, der ihr letzter werden sollte: „Die Spaziergängerin von Sanssouci“. Aber sie hielt es allein nicht aus, lud sich eine gute Freundin und dann auch noch die Presse ins Hotel. 14 Monate später ist Romy Schneider tot, gestorben mit 43 Jahren an einem Herzinfarkt. Im Rückblick hat das in Etappen geführte Gespräch den Charakter einer Lebensbilanz.

„Ich bin nicht Sissi“

Von Romy Schneiders erfahren wir nur das, was in diesen Tagen zur Sprache kommt, aber das reicht. Von der besitzergreifenden Mutter Magda Schneider ist die Rede, vom so oft abwesenden Vater Wolf Albach-Retty, von unglücklichen Ehen und noch unglücklicheren Trennungen, vom gefühlten Versagen als Mutter ihrer zwei Kinder (ein paar Monate später stirbt Sohn David bei einem Unfall, aufgespießt auf einem Zaun), von horrenden Schulden, vor allem aber vom Zwangskorsett der „Sissi“-Rolle, dem Romy Schneider einst durch ihren Aufbruch nach Paris und zu Alain Delon entkommen wollte.

„Ich bin nicht die Filmfigur Sissi“, sagt Schneider. „Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider.“ Ihre neben ihr sitzende Freundin Hilde (Birgit Minichmayr) warnt sie vergebens, nicht zu viel preiszugeben. Doch der geradezu zwanghafte Seelenstriptease der Romy Schneider hat begonnen, der Fotoapparat von Lebeck (Charly Hübner) klickt.

Tatsächlich ist Lebecks Figur die zwiespältigste in diesem Film: Er gibt sich aus als alter Freund, aber fotografiert auch dann noch unbarmherzig weiter, wenn Schneider zusammengebrochen am Boden liegt. So etwas muss man wohl als eine Form von Missbrauch betrachten. Im nächsten Augenblick steigt Lebeck zu Schneider ins Bett, um sie ganz väterlich zu trösten. Beschützerinstinkt und Profitgier: Eine schwer erträgliche Mischung charakterisiert den Umgang mit Schneider, die gar nicht recht zu verstehen scheint, was hier geschieht.

Wahrhaftig, nicht dokumentarisch

Schneider flüchtet mit den Reportern in die letzte geöffnete Hafenkneipe, weg von der faden Gemüsesuppe, hin zum perlenden Champagner, sie tanzt mit Einheimischen und ist bald schon per Du auch mit dem arroganten Jürgs (brillant: Robert Gwisdek), der bei der Fortsetzung am nächsten Tag zur Ankurbelung der Redebereitschaft noch ein paar Flaschen Weißwein auffahren lässt. Wir erleben Schneider in diesen drei Tagen zugedröhnt mit Tabletten und Alkohol, weinend und melancholisch übers Meer blickend, wie sie sich hinter ihrer dicken Sonnenbrille versteckt und wie sie himmelhoch jauchzend ihre Einsamkeit zu überspielen versucht.

Zum ersten Treffen mit den Journalisten erschien Schneider noch im Trenchcoat, mit dicker Sonnenbrille im Gesicht und einem strengen Pferdeschwanz im Nacken. Es sieht aus, als trüge sie eine Rüstung. Aber diese Frau ist nicht dafür gemacht, Verteidigungslinien zu halten.

Die Regisseurin nennt ihren Spielfilm wahrhaftig, keinesfalls dokumentarisch. Sie hat mit allen drei damals Beteiligten sprechen können und ihre eigene Wahrheit daraus destilliert. Ihr Film ist keine Hommage – glücklicherweise. Romy Schneider erstarrt hier nicht zum Denkmal. Wir werden Zeuge der Tragödie einer Schauspielerin, die Europas größter Kinoliebling ist und zugleich ein ausgebranntes Wrack.

„3 Tage in Quiberon“, Regie: Emily Atef, 116 Minuten, FSK 0

Von Stefan Stosch

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