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Kultur Mensch oder Maschine?
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00:20 04.03.2015
Von Christoph Munk
Wunderbares Spiel der Irritationen: Ute Hannig als Roboter Gou, Lina Beckmann als Zoe und Götz Schubert als Jerome . Quelle: Markus Scholz

Jerome lebt in einem Kunstlabor. Ein Haufen Apparate: Keyboards, Steuergeräte, Laptops, Monitore, Projektionsflächen, spärliche bürgerliche Möblierung zwischen rohen Wänden. Vor der Tür haben die „Töchter der Finsternis“ alle Sicherheitsdienste vertrieben. Die Verbindung nach draußen funktioniert per Skype. Dorthin sind auch Ehefrau Corinna und Töchterchen geflüchtet. Seitdem geht bei dem Komponisten nichts mehr. Denn sein Fundus aus erlauschten und aufgezeichneten Dialogfetzen, Geräuschen, menschlichen Lauten ist aufgebraucht, seine Kreativität also erschöpft. Geblieben ist ihm – als Hinterlassenschaft des Nachbarn – nur noch Gou 300 F, eine lebensgroße Puppe, der weibliche, rechnergesteuerte, reparaturanfällige Prototyp einer längst eingestellten Produktserie.

 Doch Jerome wäre kein Künstler, wenn ihn alle Einfälle verließen. Um Jugendamt und Exfrau ein harmonisches Familienleben vorzugaukeln, in dem Tochter Geain ein neues Nest finden könnte, engagiert er die Schauspielerin Zoe, die wenigstens für einen Tag die Rolle der neuen Lebensgefährtin übernehmen soll. Klassische Situation. Doch Alan Ayckbourn wäre nicht einer der meistgespielten Meister der tiefgründigen Komödie, wenn er die Schraube der Verwirrung nicht noch um ein paar Umdrehungen anzöge. Denn so vage durch die Darstellungsbesetzung angedeutet ist, dass in Gou F 300 Ehefrau Corinna steckt, so eindeutig wird später sichtbar, dass Zoe auf die Figur des Automaten reduziert wird.

 Ganz wunderbar funktioniert so das Spiel der Irritationen: Wer ist Mensch, wer ist Maschine? Und ebenso effektvoll dreht sich die große Mechanik der Komödie. Götz Schubert als verzweifelt wuselnder und werkelnder Musikbastler Jerome und Ute Hanning als Gou-Puppe deuten das Potenzial an Pleiten und Pannen an, doch mit dem Auftritt von Zoe gerät das Superangebot des komischen Repertoires in den Ausverkauf. Unter Katrin Beiers souveräner, aber auch bis zur Klamotte freigebigen Regieführung schöpft Lina Beckmann höchst virtuos alle Flachheiten und Tiefen von Slapstick und Situationskomik aus. Und macht doch, am Ende wie ein traurig zappelnder Clown auf subtile Weise darauf aufmerksam, dass einstudierte Gesten und Bewegungsmuster die Unterschiede zwischen natürlichen Lebewesen und Kunstgebilden verschwimmen lassen. Mensch oder Maschine? Wo sind die Grenzen?

 Karin Beiers vor Aberwitz blitzende Hamburger Inszenierung von Ab jetzt provoziert in zwei pausenlosen Stunden das schallende, befreiende Gelächter. Und bleibt doch beklemmend aktuell. Denn Ayckbourns Komödie mag zur Uraufführung vor gut 25 Jahren als Science-Fiction-Farce erschienen sein, heute hingegen akzeptieren wir alltäglich virtuelle Welten, Cybersex oder Avatare und müssen persönliche Bilder und Daten gegen den öffentlichen Gebrauch durch Google oder Facebook schützen. Klar also: Ayckbourns einst für die Bühne entworfene Zukunft hat begonnen – ab jetzt.

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