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Kultur Alte Kirche gibt Geheimnisse preis
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13:02 26.09.2012
Von Cornelia Müller
Archäologen der Kieler Uni graben in Krusendorf. Quelle: Cornelia Müller
Schwedeneck

„Aaron, gib mal die Position der Sargnägel an“, sagt Katja Wehner. Der Archäologiestudent pinselt behutsam den Staub von dem Skelett, das mit gefalteten Händen vor ihm in der rötlichen Erde liegt, und beschreibt die Lage der Bolzen, die den Sarg zusammenhielten. Die Denkmalpflegerin und Ehefrau von Grabungsleiter Donat Wehner überträgt die Daten maßstabgetreu auf Papier.

 „Anfangs war es merkwürdig, sterbliche Überreste von Menschen freizulegen“, räumt Aaron Schröcke ein. „Inzwischen können wir damit umgehen.“ Am Arbeitscontainer sitzt Meneka Godkari und wäscht Knochen. „Ja“, sagt die Studentin, „wenn Kleidungsreste dabei wären, hätte ich Skrupel. Aber so kann ich die Skelette als Zeugen sehen, die uns etwas über ihr Leben erzählen.“

 Vor genau zwei Jahren hatten Wehner und sein Institutsleiter Prof. Ulrich Müller mit einem Studententeam hier erstmals gegraben. Sie waren auf die Sensation gestoßen: Unter ihren Füßen befand sich das Fundament einer Kirche, die erstmals 1319 erwähnt wurde und dann als verschollen galt. Den Umriss des Chores, des Altars und zwei Grabplatten – riesig und wie neu – förderten sie zutage. Ob sie nur „verklappt“ wurden auf der Abrissstelle des Anfang des 18. Jahrhunderts baufälligen Kirchenschiffs, war zunächst unklar. „So viel aber stand fest“, sagen Wehner und Müller heute. „Wir mussten schnell weiter und tiefer graben, denn wir vermuteten unter dem Fundament die wahre Geschichte. Eine Kirche in gesamter Fläche freizulegen, ist in Schleswig-Holstein einmalig.“ Kein Wunder: Die Stifter neuer Gotteshäuser nutzten grundsätzlich die Stellen, wo der Altbau gestanden hatte. Nur am Bach Jellenbek bei Krusendorf war das anders.

 Das Geheimnis der Grabplatten ist nun (fast) gelüftet. Prediger Lexovi, auf einem Exemplar verewigt, Vater von elf Kindern und 83-jährig im Jahr 1651 gestorben, war im Zentrum der 15 jetzt entdeckten individuellen Grabstellen unmittelbar vor dem Chor beigesetzt. Müller: „Um seinen Sarg herum hatte man die Gebeine von zehn Toten gelegt, die schon früher bestattet worden waren.“ Unter der Platte von Pastor Petrus Struve, 1724 gestorben, fand das Team ein weibliches Skelett, vermutlich seine Ehefrau Elisabeth, die 1722 starb. „Das ist ungewöhnlich. Man hätte sie normalerweise nicht an dieser Stelle allein bestattet“, betont Wehner. Der Platz vor dem Altar war besonders: Er schützte angeblich vor dem Fegefeuer. An einer Stelle entdeckte das Team das Skelett einer Person mit schmerzhafter Skoliose. Sie wurde rücksichtsvoll in Seitenlage bestattet.

 Jetzt folgt die Auswertung der Funde, zu denen auch Sargbeschläge und kleine Münzen gehören. Anthropologen werden die Gebeine untersuchen. Schnellstens will das Team weiter graben, um auch die restlichen 20 Meter des Kirchenfundaments gen Westen zu erforschen. Pastorin Ursula Strohecker aus Krusendorf ist besonders erfreut, denn die Archäologen wollen die Umrisse sichtbar lassen. Dass mit dem Abbruch der Steilküste auch diese Relikte vergehen, „ist experimentelle Archäologie“, sagt Wehner und schmunzelt.

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