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Kultur Provokation Carmen
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13:00 22.01.2018
Von Jürgen Gahre
Schlachtgemälde: Clementine Margaine als Carmen. Quelle: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Wohl jeder, der die „Carmen“ von Georges Bizet kennt, hat vorgefasste Meinungen und Vorstellungen von der erotischen Ausstrahlung der Titelfigur, einer gewissen „Schmuggler-Romantik“ und der Atmosphäre in einer Stierkampfarena. Carmen, das bedeute unverrückbare Klischees, an denen jede Neuinszenierung gemessen wird.

   Was war geschehen? Durch konsequente Übertreibung und Zuspitzung von sexuellen Handlungen  hat Tandberg dieser oft gespielten Oper zu neuer Brisanz verholfen: Der Einleitungschor der Soldaten „Chacun viens, chacun va“ ist bei ihm aufgeladen mit nur mühsam unterdrückter Sexualität, so dass Micaëla, die fast von ihnen vergewaltigt worden wäre, sich nur dadurch retten kann, dass sie den Soldaten einen gezielten Tritt in die Genitalien verpasst. Zu Beginn des zweiten Aktes, wenn Carmen ihre Zuhörer in der Vorstadtkneipe Lillas Pastia mit einem schmissigen Chanson  unterhält, sind die Männer derart aufgegeilt, dass sie anfangen zu masturbieren, nach dem Orgasmus wie tot umfallen und dann abtransportiert werden – was für eine bis ins Groteske gesteigerte Szene! Die Liebeserklärung des Toreros Escamillo könnte drastischer gar nicht ausfallen. Er schneidet einem gerade von ihm getöteten Stier die Hoden ab und überreicht sie ihr als Liebespfand.

   Aber auch in puncto Grausamkeit wird nicht mit Provokationen gespart: Schon der alptraumartige, in viele Richtungen interpretierbare Bühnenvorhang weist darauf hin. Gleich zu Beginn ist ein über der Arena an einem Hinterbein aufgehängter, blutender Stier zu sehen. Don José verletzt den Offizier Zuniga nicht nur, sondern tötet ihn, um ihm die Organe heraus zu schneiden – damit hat er so zu sagen seine Initiationsprüfung bestanden und gehört jetzt zu den Schmugglern, die organisierten Organhandel betreiben. Damit nicht genug: Im Kartenleger-Quintett im 3. Akt liest man die Zukunft nicht in den Karten, sondern in allerlei Organen, mit denen man ein makabres Spiel treibt. Don José schneidet am Schluss der Oper Carmens Herz heraus, um es, aufgespießt auf sein Messer, triumphierend hochzuhalten. Damit ist der Bogen dann doch überspannt, denn der im Affekt zustechende Don José kann wohl kaum zu einer solch überlegten Tat fähig sein.

   Das von Erlend Bikeland angefertigte Bühnenbild, eine drehbare, große Arena, ist vielfältig verwendbar, je nachdem, was von ihr zu sehen ist. Auf, neben und unter ihr spielt die Handlung, was schnelle Übergänge der Szenen ermöglicht. Carmens knallrotes Kleid und das kostbare, ganz in Gold gehaltene Kostüm des Toreros sind echter Hingucker.

   Die Besetzung der Titelpartie mit Clémentine Margaine ist optimal, denn ihrem geschmeidigen Mezzosopran kann sie nicht nur verführerischen Sensualismus abverlangen, sondern auch einen harten Ton, mit dem sie ihren Willen durchzusetzen imstande ist. Ihre hinreißend gesungene Habanera ist unwiderstehlich und bringt einen Mann wie Don José um den letzten Rest seines Verstandes. Dieser findet in dem Tenor Charles Castronovo einen hervorragenden Darsteller, der einerseits die Lyrismen seiner herrlichen Blumenarie auskostet und andererseits aber auch den harten Kern seines Wesens glaubhaft herauskehren kann, wenn er in wilder Entschlossenheit Carmen in die Arena folgt. Heidi Stober ist eine liebenswerte Micaëla, deren Arie „Je dis que rien ne m‘épouvante“ zu Herzen geht. In der Rolle des Torero hätte man sich einen weniger korpulenten Darsteller als Markus Brück gewünscht; durch seinen gut fokussierten und kernigen Bariton aber kann Brück dann doch als Escamillo überzeugen.

   Ivan Repušić, der GMD von der Staatsoper Hannover, führt das Orchester der Deutschen Oper Berlin umsichtig, mit feinem Gespür für Dynamik und Bizets raffinierte Klangvaleurs durch die Partitur. Er erliegt nicht der Versuchung, das der Musik immanente Feuer übermäßig zu entfachen, sondern findet stets das rechte Maß für die großen Leidenschaften in dieser Oper.

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