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Kultur Spiegel und Reibungsfläche
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07:00 14.11.2016
Von Ruth Bender
Zwischen Weiblichkeit und königlicher Berufung: Rebecca Vaughan als Königin Elisabeth. Quelle: Axel Nickolaus
Kiel

Sie läuft und läuft und läuft. Anfangs lässig in Schlips und Anzug wie ein Manager auf dem Weg in den 10. Stock. Am Ende nackt, verschwitzt, die Beine schwer und die Spuren der Anstrengung unübersehbar. ber mit ihrem Indianerschmuck sieht sie auch aus wie eine Kriegerin nach der Schlacht: erledigt, aber nicht besiegt.

 Dazwischen liegen diverse Schritt-, Requisiten-, Kostümwechsel und 75 Minuten Selbsterkundung, mit der Kristien de Proost im Schauspielhaus die zehnte Ausgabe des Thespis Festivals eröffnete. On Track heißt das beim Edinburgh Fringe Festival 2015 vielgelobte Stück der belgischen Theatermacherin. Ein Dauerlauf auf der Spur des eigenen Ich. Von der detaillierten äußeren Beschreibung (kurze Beine, kräftige Schenkel, Stirnfalten usw.) bis zur Zahlenbilanz des bisherigen Lebens: „Kein Kind, ein Mann, der jüngste Geliebte 18, der älteste 61, drei Heiratsanträge abgelehnt – und „so viele Gehirnzellen wie Sterne in der Milchstraße“.

 Das macht dieses bis zur Selbstentblößung scheinbar detaillierte Autoporträt so vertrackt spannend: Es wirft den Betrachter auf sich selbst zurück, fungiert als Spiegel und als Reibungsfläche. Egal, ob sie uns körperliche Defizite aufzählt, haarklein ihren Lieblingsporno nacherzählt oder ihren Körper zelebriert – es fordert eine Haltung ein.

 Zuvor aber gibt es warme Worte an die Gründerin Jolanta Sutowicz, ihr Team und die Festivalgesellschaft. Kulturministerin Anke Spoorendonk lobt Thespis als „Spiegel der Welt“ in Kiel, Daniel Karasek die Hartnäckigkeit, mit der die Festivalchefin das Projekt aufgebaut und zum Netzwerk erweitert hat. Und Kulturdezernent Wolfgang Röttgers versichert städtische Unterstützung auch für die nächsten Jahre. Traditionell moderiert von Hans-Christian Hoth, der den Abend – diesmal mit charmantem Piano-Partner (Caspar Frantz) – als launiger „Heiterkeitserreger“ auf den Weg bringt.

 Kristien de Proosts Kunstfigur setzt nicht nur einen gelungenen Auftakt, sie ist auch die erste der starken Frauen, die dem Publikum am ersten Thespis-Wochenende in ganz unterschiedlicher Ausprägung begegnen. Festival-Veteran Pip Utton erweckt in der ausverkauften Pumpe Englands „Eiserne Lady“ Maggie Thatcher zu neuem Leben, lässt sie doppelbödig zwischen Spiel und Sein über alte Sünden und neue Herausforderungen sinnieren und empfiehlt in der Fragerunde mit dem begeisterten Publikum US-Wahlsieger Donald Trump erstmal einen Gang zu ihrem Frisör …

 Rebecca Vaughan gewährt in I, Elizabeth Einblick in die Innenwelt der legendären Monarchin, die England im 16. Jahrhundert ein goldenes Zeitalter bescherte. In ihren eigenen Worten, aus Briefen und Reden montiert, entwickelt Vaughan im gleichfalls proppevollen Studio des Schauspielhauses das Bild einer Frau, die Weiblichkeit und königliche Berufung in Einklang zu bringen sucht – und bereits in jungen Jahren ahnt, dass eins davon auf der Strecke bleiben wird. Ein wortgewaltiges, überrealistisches Porträt, flirrend zwischen Demut und Großmachtsallüren, Nachdenklichkeit und Pathos.

 Bei Souad Janati aus Algerien dagegen ist im Werftpark-Theater fast alles Aktion. Vielleicht aber kommt es dem des Arabischen nicht mächtigen Zuschauer auch nur so vor: Die Algerierin spielt Puppentheater, ficht, tanzt, marschiert und singt. Daraus ergibt sich, begleitet vom Klangstrom der Sprache und einer bemerkenswerten Stimme, ein Puzzle. Von Mira, der Puppenbauerin, die auf einem Markt ihre Puppen feilbietet – bis der Krieg einbricht in den Alltag aus Verkaufsgesprächen und Klatsch. Ein Bild, das ohne den Text lückenhaft bleiben muss, und das in seiner überbordenden Theaterlust dennoch betört.

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