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15:02 13.07.2018
Von Ruth Bender
Die Lyrikerin Doris Runge in ihrem Rosengarten in Cismar. Quelle: Reiner Binkowski
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Cismar

„Ruhe und Abgeschiedenheit“, sagt Doris Runge, „die haben wir hier nur im Winter.“ Wenn die Tage kurz sind und der Himmel über dem Kloster Cismar tief, dann ist für die Lyriker, die seit über 40 Jahren im Weißen Haus lebt, die Zeit zum Schreiben, oben in dem kleinen Zimmer  mit dem Blick auf den Klostergraben und über die Straße ins Vogelschutzgebiet. „Zum Schreiben muss ich den Alltag abwerfen“, sagt sie, „erst dann kann ich auch darüber schreiben.“

Dort hat sie zusammen mit ihrem Mann Reiner Binkowski Marcel Reich-Ranicki und Ehefrau Teofila empfangen, ebenso wie Georg Klein, Sigrid Damm, Jochen Missfeldt, Friedrich Christian Delius, Heinrich Detering, Jan Wagner und andere. Ein Who is Who der deutschsprachigen Literaturszene.

Leserin ist sie noch vor der Dichterin, sagt sie selbst. Und wenn sie sich etwas wünschen dürfte, dann wäre es ein zweites Leben: „Damit ich die Bücher lesen kann, die ich bisher nicht geschafft habe – und die anderen noch einmal, die ich vor langer Zeit gelesen habe.“ Sie hat sich früh in der Literatur ihre Gefährten gesucht. Schon im Kinderzimmer im Mecklenburgischen hat sie mit ihrer Schwester die Geschichten aus den Kinderbüchern zum Einschlafen weitergesponnen.

Natürlich beschäftigt sie das Alter, dass die Strecke, die vor ihr liegt, kürzer ist als die, die sie bereits zurück gelegt hat. Diejenigen, die zu Lesungen im Weißen Haus waren und nicht mehr da sind wie Hans Wollschläger oder Peter Rühmkorf. Aber der Tod schreckt sie nicht: „Ich bin noch da“, sagt sie und wischt energisch eine Haarsträhne aus dem Gesicht, „und ich bin noch neugierig auf die Welt.“

Das lässt sich auch ihren Gedichten mit dem oft heiter luftigen Ton ablesen. „Die Poesie ist so etwas wie das andere Gedächtnis", sagt sie. Und auch wenn die Wörter flüchtig sind: „Sie sind das, womit ich mir eine Welt baue.“

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