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Kultur Buchautor Saehrendt: "Die documenta ist zu glitschig"
Nachrichten Kultur Buchautor Saehrendt: "Die documenta ist zu glitschig"
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09:36 29.08.2012
Der kunstwissenschaftliche Schriftsteller Christian Saehrendt findet die documenta «zu perfekt». Quelle: Arno Burgi

Darauf reagiert nun der Kunsthistoriker und Bestsellerautor Christian Saehrendt ("Das kann ich auch!"). Ihn stört so einiges.

Herr Saehrendt, Sie sind gebürtiger Kasselaner, und trotzdem wollen Sie jetzt die documenta schlecht machen?

Christian Saehrendt: "Bei mir schlagen sozusagen zwei Herzen in einer Brust: Als Kasselaner freue ich mich natürlich über den äußerlichen Erfolg. Viele Leute sind gekommen, das Publikum hat sich verjüngt, Kassel hat sich gut präsentiert. Aber trotzdem muss man auch eine kritische Distanz halten."

Was ist es denn, was Ihnen nicht gefällt?

Saehrendt: "Die documenta ist zu glatt und zu glitschig. Eine Wohlfühlausstellung. Das Schlechte an dieser documenta ist, dass sie zu gut ist. Es ist alles drin, was wir erwarten. Wie in einem großen Kaufhaus. Aber alles ist letztlich eine durchkalkulierte Mischung. Es ist eben nicht der große radikale Gegenentwurf zu dieser Welt, sondern ein Mix von bravem Mainstream."

Ihnen kann man's aber auch nie recht machen.

Saerhrendt: "Das muss ich aber sagen, denn die documenta hat ja nicht die Aufgabe, perfekt zu unterhalten."

Mit Ihrer Meinung stehen Sie ziemlich allein da.

Saehrendt: "Das hat aber vielleicht auch damit zu tun, dass im Vorfeld dieser documenta alle erwartet hatten, dass es einen gewaltigen shitstorm geben würde, vor allem nach diesem chaotischen Vorlauf. Und dann gab es eine große Erleichterung nach dem Motto 'Ist ja doch nicht so schlimm'. Man hat sich einlullen lassen."

Bisher war es ja eher so, dass jedes Mal, wenn eine documenta zu Ende ging, gesagt wurde: "Also, das war wirklich die schlechteste überhaupt!" Man kann den Medien also nicht vorwerfen, dass sie unkritisch gewesen wären. Sie sehen es diesmal einfach anders.

Saehrendt: "Das stimmt schon. Ich will ja auch nicht sagen, dass alles schlecht ist, aber es gibt auch eine Daseinsberechtigung für die Kritik."

Was fehlte Ihnen denn? Skandale? Tabubrüche? Das Publikum lässt sich doch heute sowieso nicht mehr schockieren.

Saehrendt: "Trotzdem darf man das nicht vergessen: Die Fähigkeit der documenta, für Unruhe zu sorgen, ist ein wichtiger Punkt. Wenn die documenta zu brav wird, zu harmonisch, zu politisch korrekt, dann ist sie als kritisches Ausstellungsformat gefährdet."

Geht's noch etwas konkreter?

Saehrendt: "Die documenta erweckt zum Beispiel den Eindruck, dass sie auch in Kabul präsent ist. Die Idee finde ich sympathisch, aber insgesamt halte ich das schon für einen gewissen Schwindel. Das ist ein strategisches Spiel um Aufmerksamkeit."

Was erwarten Sie für die nächste documenta?

Saehrendt: "Jetzt müsste jemand kommen, der wieder mehr über klassische Gattungen arbeitet und mehr bekanntere Künstler einlädt. Ich rechne damit, dass jetzt wieder was Museales folgt. Vielleicht ist es auch Zeit, diesen Polit-Kitsch zu beenden. Denn das bleibt doch alles in der Kunstszene stecken und wirkt wenig in die Gesellschaft hinein."

Interview: Christoph Driessen, dpa

dpa

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