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Kultur Nachtschwärmer und Showgirls
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00:43 13.10.2014
Von Thomas Richter
 Premiere "Lola Blond" am Kieler Theater Die Komödianten mit (von links) Sina Schulz, Rafaela Schwarzer und Anna Nigulis. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

Schauplatz für diesen fast allumfassenden Lieder-Reigen von Franz Schubert bis Lady Gaga und von Rainald Grebe bis Abba ist eben jene verträumte Bar Lola Blond. Ein Barkeeper, ein Pianist, eine Kellnerin und zwei Gäste versammeln sich hier zu nächtlicher Stunde. Doch statt der Melancholie, die Hoppers Bild ausstrahlt, gibt bei Lola Blond die Musik den Ton an. Und zwar vom Besten. Arrangiert und am Klavier begleitet von Tillmann Dentler, singen sich Sina Schulz, Rafaela Schwarzer, Anna Nigulis und als Nebenfigur Matthias Lippelt durch die unterschiedlichsten Stile und Storys der Songs. Die Verse sind dabei gleichsam der Text der Bühnencharaktere und es geht darum, worum es in Kneipen dieser Art meistens geht. Um Liebe. Leid, Sehnsüchte, Träume und Hoffnungen.

 Bruno Giurini hat dafür einen mit vielen liebevollen Details ausgestatteten Raum zwischen großstädtischer Piano-Bar und provinzieller Bier-Kneipe geschaffen. Ebenso gemütlich wie anonym, dessen fahles Licht seit Ewigkeiten die Nachtschwärmer dieser Welt anlockt.

 Es bleibt die Frage, warum Regisseur Christoph Munk die sorgfältig aufgebaute Behauptung eines theatralischen Singspiels nach der Pause so grundlos aufbricht. Die Damen kehren in bunten Glitzerkleidern und Abendroben (Kostüme Moritz Vollmers) auf die Bühne zurück. Aus den Nighthawks sind plötzlich Showgirls geworden, und keiner weiß so ganz genau, warum. Damit verliert nicht nur der Bühnenraum viel von seiner Wirkung, denn nun ist er ein Konzertsaal. Die Figuren, die vorher in Bezug zueinander gesetzt wurden und alle ihr Geheimnis, ihre Geschichte zu haben schienen, verschwinden hinter den Pailletten.

Der musikalischen Qualität tut dies indes keinen Abbruch. Kurz vor Schluss verzaubert Sina Schulz – in einem durchweg vorzüglich musizierenden Ensemble die wohl überzeugendste Interpretin – mit Franz Schuberts „Ständchen“ (Leise flehen meine Lieder). Golden umrahmt von einer billigen Lichterkette singt sie dieses Lied herzzerreißend schön, und plötzlich steht da für Minuten tatsächlich ein Charakter auf der Szene, den man ungern alleine in die Nacht entlassen möchte. Muss man auch nicht, denn mit den unzerstörbaren Stimmungsgranaten „Bei mir bist du schön“ und „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“ biegt der Abend in die Party-Zone ein, in der ein restlos begeistertes Publikum nur allzu gerne mitfeierte.

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