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Kultur Christoph Waltz: „Der Mensch kann alles lieben“
Nachrichten Kultur Christoph Waltz: „Der Mensch kann alles lieben“
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16:55 14.01.2019
Gefeierter Star und mehrfacher Oscarpreisträger: Schauspieler Christoph Waltz. Jetzt kommt er mit einem neuen Film in die Kinos. Quelle: Julie Edwards/AVALON/dpa
Berlin

Christoph Waltz ist durch Quentin Tarantinos Filme zum Hollywoodstar aufgestiegen. Seine Rollen als SS-Standartenführer in „Inglourious Basterds“ (2009) und als Kopfgeldjäger in „Django Unchained“ (2012) brachten ihm zwei Oscars ein. Am 14. Februar startet in den Kinos der neue Film des 62-Jährigen, das Cyborgspektakel „Alita: Battle Angel“, in dem er als Vaterfigur für ein Robotermädchen zu sehen ist. Darüber spricht er im Interview.

Herr Waltz, im Silicon Valley sind Wissenschaftler angeblich gerade dabei, den Kampf gegen den Tod zu gewinnen. Sind Sie Interessiert?

Sie meinen, ob ich mein Gehirn einfrieren lassen würde, um irgendwann wieder in einem Maschinenkörper zu erwachen? Nein, danke. Ich habe schon genug Probleme damit, das uneingefrorene Leben halbwegs ehrenhaft zu bewältigen. Zudem halte ich das Silicon Valley in zunehmendem Maße für eine verdächtige Veranstaltung.

Wieso das denn? Die kreativen Köpfe dort versprechen uns doch die beste aller möglichen Welten.

Vieles von dem, was aus dem Silicon Valley kommt, wird ohne jede Begründung zur Notwendigkeit erklärt. Tatsächlich betreiben dort viele das alte kapitalistische Drecksspiel.

Das heißt?

Silicon Valley ist mittlerweile so ein Ausdruck für alles geworden, was von risikofreudigen Kapitalisten finanziert wird. Diese Leute erfinden irgendeinen Mist und drücken ihn uns aufs Auge. Gleichzeitig haben sie die dreiste Verlogenheit, uns glauben zu machen, dass dies das gelobte Land sei und der letzte Schritt vor der Himmelspforte. Wobei ich bei aller Kritik gleich eine Einschränkung machen möchte: Viele biotechnologische Errungenschaften mögen wirklich der Menschheit zugutekommen, tun es auch schon heute. Aber größtenteils bedeutet Silicon Valley Geldverdienen mit überflüssigem Zeugs.

Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie weder einen Cyborg namens Alita wie in Ihrem aktuellen Film „Alita“ zu Hause haben noch einen Sprachcomputer namens Alexa?

Ehrlich gesagt würde ich lieber Alita als Alexa zu Hause haben, dieses freundliche und manchmal auch so traurige Robotermädchen aus meinem Film, das die Welt mit seiner Kampfkunst retten will.

Ändert es für einen Schauspieler etwas, wenn er es laut Drehbuch mit einem Cyborg und nicht mit einem Menschen zu tun hat?

Gar nichts. Ich habe schon mit Puppen gearbeitet, und das waren die besten Partner vor der Kamera. Ganz im Ernst: In meinem „Muppet“-Film waren die Puppen genial.

Das dürften Ihre Schauspielerkollegen jetzt aber nicht so gern hören.

Kennen Sie das Experiment des russischen Filmtheoretikers Pudowkin? Er hat Testpersonen immer ein- und dasselbe Gesicht einer Frau gezeigt und dazwischen kurz andere Bilder geschnitten. Jedes Mal hatten die Zuschauer einen anderen Eindruck vom Gemütszustand dieser Frau. Woraus man lernen kann: Es kommt gar nicht so sehr darauf an, was die Projektionsfläche wirklich zeigt - sondern darauf, welche Projektionen man damit transportiert.

Fürchten Sie, dass Sie im Kino demnächst ein Christoph-Waltz-Avatar ablösen könnte?

Na ja, der würde sich ja mit mir arrangieren müssen. Wenn er mir wohl gesonnen ist, soll es mir recht sein. Das heißt ja auch nicht, dass ich dann gar nicht mehr spielen würde. Der Avatar wäre nur eine Ergänzung. Und wenn es mir so erginge wie gestern Abend, als mein Flug ausfiel und ich in Paris feststeckte, dann könnte ich ganz gemütlich dort bleiben und mein Avatar würde dieses Interview in Berlin führen.

Kann man einen Cyborg lieben?

Der Mensch kann alles lieben. Denken Sie nur an die Liebe zu Haustieren. Manche Menschen zeigen ja auch Entzugserscheinungen, wenn sie ihres Smartphones beraubt werden. Der Mensch kann sich emotional an alles heften und hat dann Schwierigkeiten, sich wieder davon zu trennen.

Was fasziniert Menschen an Künstlicher Intelligenz?

Kürzlich habe ich mit einem Toningenieur gesprochen, der mit einer Software arbeitete, die auf Künstlicher Intelligenz basiert. Die Software war in der Lage, zum Beispiel Stimmen zu identifizieren und würde Ihre Stimme sogar dann erkennen, wenn Sie beinahe unhörbar neben einem kreischenden Motor sprechen.

Bringt uns das weiter?

Keinen Schritt. Nun ja, den Toningenieur schon: Er hat mal im Auftrag der Polizei ein kaum verständliches Geständnis aus einem Geräuschbrei herausgefiltert, so dass es doch noch als Beweismittel dienen konnte. Das ist doch immerhin eine nützliche Anwendung, oder?

Löst Künstliche Intelligenz bei Ihnen eher Angst oder eher Hoffnung aus?

Ganz klar: Angst. Künstliche Intelligenz ist mir unheimlich. Es gibt einen schönen Aufsatz von Sigmund Freud über das Unheimliche - wobei schon dieses Wort treffend ist. Man fühlt sich im Unheimlichen eben nicht zu Hause. Es geht um eine dunkle Sache, die sich nicht abschätzen lässt.

Ist das nicht bei allem Neuen so?

Kürzlich habe ich von einem interessanten Experiment gehört: Zwei Roboter bekamen eine juristische Aufgabe gestellt, die sie untereinander und mit ihren eigenen Mitteln lösen sollten. Innerhalb von Minuten haben diese beiden Künstliche-Intelligenz-Maschinen jede bekannte menschliche Sprache verlassen und auf einer spontan entstandenen gemeinsamen Ebene kommuniziert. Sie haben das Problem hervorragend bewältigt, aber ihre Antwort musste mit enormem Aufwand zurückübersetzt werden in eine uns verständliche Sprache. Wenn dieses Experiment nicht beängstigend ist, dann weiß ich nicht, was beängstigend sein soll.

Was sollen wir also tun?

Jedenfalls nicht das, was der Unternehmer Elon Musk kürzlich empfohlen hat, vermutlich getrieben von seinen gewohnten selbstdarstellerischen Motiven: Er finde Künstliche Intelligenz abscheulich, grauenvoll und unheildrohend, hat Musk der Welt erklärt. Seine Schlussfolgerung: Der Mensch und die Künstliche Intelligenz müssten sich wortwörtlich verbinden, etwa durch einen im Hirn implantierten Chip und allerlei Verdrahtungen. Dann würde es nur super kluge Menschen geben. In diesem erbärmlichen Schwachsinn erblickte Musk die Demokratisierung der Intelligenz - nicht bedenkend, dass es dann immer noch darauf ankäme, mit welchen Ideen und Anschauungen der Mensch gefüttert würde.

Sehen Sie schon in unserer heutigen digitalen Welt Veränderungen im Verhalten der Menschen?

Nullen und Einsen verändern unser Leben, und zwar nicht nur in technologischer Hinsicht, sondern auch im Austausch untereinander. Wir sollten uns nicht wundern, dass es immer häufiger nur noch um die Wahl zwischen entweder oder zu geben scheint, zwischen ja oder nein, zwischen Einsen oder Nullen, kurz: zwischen extremen Positionen. Analoge Verhandlungen über alles dazwischen werden immer schwieriger - dabei macht dieses Dazwischen die menschliche Existenz erst interessant und auch aus.

Könnte Ihre tiefe Skepsis ihren Grund darin haben, dass Sie in einer analogen Vergangenheit groß geworden sind?

Ja, vielleicht hat das mit meinem Alter zu tun. Ich würde aber behaupten: erst in zweiter Linie. Wir Älteren wissen immerhin, dass es noch Alternativen gibt. Die nach uns folgenden Generationen können sich irgendwann vielleicht gar nicht mehr vorstellen, dass es andere Möglichkeiten zur Datenverarbeitung als jene mit einem Chip im eigenen Kopf gibt.

Wenn die Entwicklung so verlaufen sollte: Wieso sieht sich der Mensch dann immer noch als das Maß aller Dinge?

Ich bin mir gar nicht so sicher, ob er das wirklich tut. Mich erinnert unsere heutige Diskussion an jene innerhalb der Katholischen Kirche zu Zeiten der Inquisition: Da musste der Mensch auch erst lernen, dass sich die Erde nicht um ihn dreht, sondern um die Sonne. Momentan erleben wir einen ähnlichen Quantensprung in unserer Vorstellungswelt. Wir stehen eben doch nicht im Fokus des Schöpfers. Die digitale Revolution zwingt uns noch einmal dazu, das zu erkennen.

Haben Sie gelegentlich das Gefühl, schon heute von Cyborgs umgeben zu sein?

Manchmal habe ich das Gefühl, ich wäre lieber von Cyborgs umgeben.

Von Stefan Stosch/RND

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