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Ein Barenboim-Tristan der Superlative

Staatsoper Berlin Ein Barenboim-Tristan der Superlative

Keine Irische See, kein Garten, keine felsige Höhe mit Meeresblick – statt dessen ein schicker Saal in einem Luxus-Kreuzfahrtschiff, ein Zimmer mit Baumtapete und ein schäbiges Krankenbett: Die Natur kommt in dieser Inszenierung von „Tristan und Isolde“ an der Berliner Staatsoper nicht vor.

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Andreas Schager als Tristan und Anja Kampe als Isolde in Wagners Musikdrama auf der Bühne der Staaatsoper Unter den Linden.

Quelle: Jens Kalaene

Berlin. Der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov ist in seiner Produktion von Richard Wagners romantischer, in nebulösem Frühmittelalter spielender  Oper bemüht, die Handlung in das Hier und Jetzt zu versetzen, was natürlich auch für die Kostüme gilt. So erscheint Tristan beispielsweise zu Beginn in einem gut sitzenden, schwarzen Anzug mit einer roten Blume im Knopfloch.

   Überhaupt geht es sehr nobel zu im ersten Akt. Schon am Ende des Orchestervorspiels sitzen Geschäftsleute um einen großen Tisch herum und diskutieren eifrig, schlagen Akten auf und zu, freuen sich über die getroffenen Vereinbarungen und verlassen dann mit dem jungen Seemann den Saal. Isolde und Brangäne bleiben zurück, Tristan tritt hinzu und zu den Heil-Rufen der Männer um König Marke trinken Tristan und Isolde den vermeintlichen Todestrank, der in Wahrheit ein alles verändernder Liebestrank ist. Videos werden dezent eingesetzt, um das Erzählte zu verdeutlichen. So sehen wir in einer riesigen, die gesamte Bühne umfassenden Projektion das küssende Liebespaar und auch – als Rückblende – Tristans blutende, von Morold geschlagene Kopfwunde, die von Isolde liebevoll gepflegt wird.

Im zweiten Akt spielt der Kontrast zwischen Tag und Nacht, Licht und Dunkel eine große Rolle, die von der Regie nicht genutzt wird. So findet dann auch das Liebesduett nicht in „der Nacht dämmernder Pracht“ statt, sondern unter einem Kronleuchter und anderen Lampen. Es ist befremdlich, dass die Entdeckung der Liebenden durch König Marke und sein Gefolge wie eine Theateraufführung gezeigt wird. Ein kleiner Vorhang wird zur Seite gerückt und gibt den Blick frei auf ein neugieriges Publikum auf der Bühne, also auf diejenigen, die den Liebesakt belauern.

In Tristans langem Monolog, der in der Verfluchung des Trankes gipfelt, erinnert er sich an seine Eltern, an den Vater, der starb, als er ihn zeugte, und an seine Mutter, die ihn „sterbend gebar“. Beide treten in stummen Rollen auf und verdeutlichen so Tristans Verlustangst und Bindungsangst. Eine brillante Idee, die zum tieferen Verständnis der Oper beiträgt.

   Daniel Barenboim, seit 1992 Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper, hat für diesen „Tristan“ eine Besetzung gefunden, die ihresgleichen sucht. Die in den verschiedensten Wagner-Rollen erfahrene Sopranistin Anja Kampe ist eine Isolde, die selbst höchsten Ansprüchen gerecht wird. Ihr runder schöner Sopran hat Kraft und verfügt über eine weite Ausdruckspalette. Man denke nur an das Ekstatische des Liebestrankes und das unmittelbar danach einsetzende, hilflose, mal hysterische, mal glückliche Lachen, in das auch Tristan einstimmt. Eine Szene von ungeheurer Wirkung, die die Erhabenheit und Unbegreiflichkeit des großen Augenblicks vor Augen führt.

Andreas Schager ist wohl der zur Zeit beste, großartigste Tristan. Seinem schlanken, biegsamen Tenor kann er alles abverlangen, was zur optimalen Gestaltung dieser mörderisch schweren Rolle gehört. Die extremen Gefühlswelten seines langen Monologes im dritten Akt gestaltet er mit einer Intensität, die dem Wahnsinn ebenso nah ist wie dem höchsten Glücksgefühl.

Der runde, samtene Mezzosopran der Ekaterina Grubanova verleiht dem „Einsam wachend“ und den „Habet acht!“-Rufen der Brangäne eine wundervolle Poesie. Stephen Milling ist, trotz leichter Indisponiertheit, ein König Marke von beachtlicher Statur, rein physisch ebenso wie stimmlich. Großes Lob auch für den sympathischen Kurvenal des Boaz Daniel.

   Die Meisterschaft des Daniel Barenboim, der für seine Wagner-Interpretationen mit Recht berühmt ist, zeigt sich in dieser Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“ in besonders beeindruckender Weise. Was er „seiner“ Staatskapelle an seidenem Streicherklang und ungewöhnlich wohlklingenden Bläser-Sound entlockt, das ist hinreißend. Dass bei allem Wohlklang stets eine enorme Innenspannung spürbar ist, macht sein Dirigat so betörend authentisch. Frenetischer Beifall, aber kräftige Buhs für das Regie-Team.

www.staatsoper-berlin.de

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