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Kultur Meuchelmörder und Hummer in Aspik
Nachrichten Kultur Meuchelmörder und Hummer in Aspik
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12:41 22.10.2018
Von Jürgen Gahre
Schurken in der Opiumhöhle: Joo Won Kang und David Lynn in Leonis Einakter "L'oracolo". Quelle: Clive Barda
Wexford

Und all das in einem außerordentlich schönen Opernhaus mit hervorragender Akustik auf hohem interpretatorischen Niveau! Da gerät jeder Musikfreund ins Schwärmen! Dass dieses außergewöhnliche Festival in einer kleinen, idyllisch gelegenen Küstenstadt im Südosten Irlands stattfindet, erhöht seine Attraktivität noch.

Franco Leonis Einakter "L'oracolo"

   Gleichsam mit einem Paukenschlag begann das diesjährige Festival, mit zwei reißerischen Verismo-Opern, die beide von Schurkereien und Gemeinheiten, von rasender Eifersucht und Wahnsinn, von Mord und Verbrechen handeln. Die 1905 in London uraufgeführte, in Chinatown von San Francisco spielende Oper „L'oracolo“ von Franco Leoni bietet in nur einer Stunde so viel Grausamkeiten, dass es dem Publikum den Atem verschlägt.

Verbrechen in der Opiumhöhle

Den Protagonisten dieser einaktigen Oper ist jedes Mittel recht, um ans Ziel ihrer Begierde zu kommen: Ein kleiner Junge wird entführt und in einer Opiumhöhle versteckt, ein Konkurrent wird mit einem Beil erschlagen, eine Frau wird beim Anblick ihres ermordeten Liebhabers wahnsinnig, der Mörder wird seinerseits brutal stranguliert.

Paradeschurke Cim-Fen

Die Wirkung dieser Oper, deren Deutsche Erstaufführung Anfang der Neunziger Jahre an der entdeckungsfreudigen Oper Kiel stattfand, steht und fällt mit der Besetzung des schurkigen Cim-Fen: Der südkoreanische Bariton Joo Won Kang füllt diese Partie mit einer geradezu animalischen, Angst einflößenden Rohheit aus. Die Regisseurin Rodula Gaitanou geht allerdings einen Schritt zu weit, wenn dem toten Cim-Fen am Schluss auch noch das Herz herausgeschnitten wird.

Effektvolle Musik Leonis

   Die effektvolle, oft grelle Musik von Franco Leoni ist bei Francesco Cilluffo in besten Händen, denn er entlockt dem Orchester der Wexford Festival Oper nicht nur knallige Wirkungen, sondern sorgt in den wenigen lyrischen und heiteren Passagen für wohltuende Kontraste.

Umberto Giordanos Opernerstling

   „L'oracolo“ mit Umberto Giordanos Opernerstling „Mala vita“ zu koppeln, ist eine brillante Idee, allein schon deswegen, weil sich Cordelia Chisholms Bühnenbild, ein heruntergekommener, hoher Backsteinbau mit verdreckten Geschäften und abgenutzten Türen, hervorragend für beide Opern eignet. Eine geschickt eingesetzte Drehbühne zeigt das Gebäude in seiner ganzen Schäbigkeit von allen Seiten.

Leidenschaftliches Eifersuchtsdrama

Hier spielt sich ein leidenschaftliches Eifersuchtsdrama ab: Vito, ein kranker junger Mann, ist liiert mit Amalia, der Frau des Annetiello. Als er einen Schwindsuchtsanfall hat, schwört er, die Prostituiert Cristina zu heiraten, um sie zu „retten“. Nach kurzer Liebesaffäre mit ihr gewinnt ihn Amalia aber zurück.

Anrührende Schlussszene

Der 24-jährige Giordano hat hierzu eine Musik geschrieben, die zwar noch nicht die Reife seines vier Jahre später komponierten „Andrea Chénier“ hat, aber dennoch fasziniert, vor allem in der spannungsgeladenen Eifersuchtsszene am Ende des zweiten Aktes und in der anrührenden Schlussszene, wenn Cristina erneut verlassen ist. Inhaltliche und musikalische Parallelen zu den fast gleichzeitig entstandenen Opern „Cavalleria rusticana“ und „Bajazzo“ sind nicht zu überhören.

Orchesterfarben und Melodieströme

Auch hier kann Francesco Cilluffo mit effektvollen Orchesterfarben und einschmeichelnden Melodien begeistern. Sergio Escobar als Vito verfügt über einen kräftigen, strahlenden Tenor, der allerdings nicht so recht zu seiner Schwindsucht passen will. Dafür sind die Mezzosopranistin Dorothea Spilger als eifersüchtige Amalia und die Sopranistin Francesca Tiburzi als leidgeprüfte Cristina umso authentischer. Sie kämpfen um den geliebten Mann mit allen einer Frau zur Verfügung stehenden Mitteln. Wenn beide ihrem vulkanischen Temperament freien Lauf lassen, dann ist das atemberaubend spannend.

Unterhaltungsstück "Dinner at Eight"

   „Dinner at Eight“ des amerikanischen Komponisten William Bolcom ist ein leichtes Unterhaltungsstück mit brillanter Oberflächenpolitur, aber ohne echte Substanz – ein größerer Kontrast zu den beiden vorangegangenen italienischen Opern lässt sich kaum vorstellen.

Dirigent und Leiter David Agler

Der Dirigent David Agler, der langjährige Künstlerische Leiter des Festivals, hatte „Dinner for Eight“ vor einem Jahr in der Minnesota Opera aus der Taufe gehoben und hat die Oper jetzt in Anwesenheit des 80-jährigen Komponisten als europäische Premiere dem Publikum in Wexford präsentiert.

Vom Broadway auf die Opernbühne

Das auf einem Broadway-Play von Ferber und Kaufman basierende Stück spielt in den frühen 1930er Jahren: Millicent Jordan ist hocherfreut darüber, dass Lord und Lady Ferncliffe ihre Einladung zum Dinner angenommen haben. Sie plant eine große Party mit illustren Gästen und möchte Hummer in Aspik servieren. Aber aus allem wird nichts, da einer nach dem anderen absagt, sogar die Ferncliffes. Und Hummer in Aspik gibt es auch nicht.

Reichlich seichte Musik

Die Finanzkrise, die diagnostizierte Herzkrankheit von Millicent Jordans Ehemann Oliver und einige Nebenhandlungen sollen wohl für Tiefgang sorgen, tun das aber nicht, da die Musik einfach zu flach und seicht ist. Trotzdem viel Lob für die Darsteller, allen voran Mary Dunleavy, deren Porträt der um gesellschaftlichen Aufstieg bemühten, exaltierten Millicent Jordan großen Beifall findet.

Mercadantes "Il bravo"

   Saverio Mercadante, ein Zeitgenosse Rossinis, ist ein zu Unrecht vernachlässigter Komponist. In Wexford ist jetzt mit der 1839 in Mailand uraufgeführten Oper „Il bravo“ eindrucksvoll auf die Qualitäten dieses vielbeschäftigten (mit 40 Jahren hatte er bereits 40 Opern geschrieben) Komponisten hingewiesen worden. Den Titel der Oper übersetzt man am besten mit „Der Meuchelmörder“: Um einen solchen geht es natürlich auch in der im Venedig zur Zeit des Dogen Foscari spielenden Oper.

Glutvoll und phantastisch

Mercadante hat aus dem verworrenen Libretto eine glutvolle Oper mit phantastischen Effekten und herrlichen Melodien gemacht. Die Inszenierung von Renaud Doucet kontrastiert das moderne Venedig mit seinen viel zu vielen Touristen und Kreuzfahrtschiffen mit dem Venedig des 16. Jahrhunderts, und André Barbe sorgt für wundervolle Renaissance-Kostüme, von denen jedes Einzelne eine Augenweide ist. Von den insgesamt sehr guten Sängern stechen zwei hervor: der italienische Tenor Rubens Pelizzari (Titelrolle) und die russische Sopranistin Ekaterina Bakanova (Violetta). Beide sind internationale Spitzenklasse!

Emotionale Impulse vom Dirigenten Brandani

   Eine so hochdramatische Oper wie „Il bravo“ braucht natürlich einen Dirigenten, der voll hinter der Partitur steht und die musikalischen Effekte in ihrer ganzen Emotionalität zur Geltung bringen kann. Dem Italiener Jonathan Brandani ist das bestens gelungen. Besonderes Lob für das herrliche Mutter-Tochter Duett im letzten Akt, das er zart und himmlisch schön gestaltet. 

www.wexfordopera.com

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