Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kultur „Das sind meine Jahreszeiten“
Nachrichten Kultur „Das sind meine Jahreszeiten“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:30 06.01.2015
Von Oliver Stenzel
Shunske Sato will als Solist in Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ extremen Klangfarben Raum geben. Quelle: Giles-Marie Zimmermann
Kiel

Im Gespräch mit KN-online gibt er Auskunft über Blitz und Donner bei Vivaldi, sein Verständnis von Originalklang und die Arbeitsweise des Concerto Köln.

Herr Sato, das Concerto Köln tritt stets mit dem Anspruch auf, bestehende Sichtweisen auf ein Werk zu erweitern. Mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ steht bei seinem Kieler Konzert morgen einer der bekanntesten Konzertzyklen des Barock im Mittelpunkt, bei dem Sie die Solovioline spielen. Wie kann man ein so oft aufgeführtes und aufgenommenes Werk neu interpretieren?

Für mich stellt diese Frage eigentlich kein so großes Thema dar. Denn diese Musik und die dahinterstehende Geschichte vom Wechsel der Jahreszeiten klingt heute noch genauso lebendig wie zu ihrer Entstehungszeit. Und wenn ich sie auf meine Art interpretiere, klingt es ohnehin anders als bei einem anderen Geiger.

Können Sie das näher beschreiben?

 Es ist mir wichtig, beim Erzählen dieser Geschichte kompromisslos zu sein. Manchmal versuche ich bewusst, sehr hässlich zu klingen, manchmal spiele ich aber auch sehr sanft. Wenn Vivaldi in seiner Musik den Wind wehen oder das Gewitter donnern lässt, soll man das ebenso hören wie beispielsweise ein vertontes Vogelzwitschern. Daran arbeite ich sehr hartnäckig und versuche alle vorhandenen Mittel auszureizen, um die Musik zum Leben zu bringen: von extremen Tempi oder „unschönem“ Kratzen über wechselnde Klangfarben bis hin zum Schönklang.

 Haben Sie dabei Vorbilder?

 Nicht direkt. Ich habe mir natürlich schon sehr viele Aufnahmen des Zyklus angehört und vielleicht auch unbewusst einmal eine Idee von einem anderen Geiger übernommen. Aber mittlerweile gehen wir bereits zum dritten Mal damit auf Tournee. Dementsprechend hat mein eigener Ansatz und auch der des Orchesters natürlich eine gewisse Reife erreicht. Es sind jetzt meine eigenen Jahreszeiten geworden.

 Auf den vorhergegangenen Tourneen haben Sie den Zyklus nicht am Stück gespielt, sondern die vier Violinkonzerte mit anderen Werken kombiniert. Wird das auch in Kiel so sein?

 Ja, auch in Kiel spielen wir jeweils zwei „Jahreszeiten“-Konzerte hintereinander und dazwischen weitere Orchesterwerke von Wolfgang Amadeus Mozart und Giovanni Battista Sammartini.

Worin liegt aus Ihrer Sicht der Reiz dieser Programmfolge?

 Sowohl für uns als auch für die Zuhörer wird das Konzert so abwechslungsreicher. Vier Geigenkonzerte am Stück sind sehr fordernd. Durch die zwischengeschalteten Werke kann man sie besser genießen. Es ist wie bei einem guten Menü, in dem auf den Fisch- ein Fleischgang folgt.

Das Concerto Köln zählt zu den renommiertesten Ensembles für historische Aufführungspraxis. Ihre Kollegin Midori Seiler, die im vergangenen Jahr Joseph Haydns Violinkonzerte aufgenommen hat, sagte mir, sie schätze an dem Ensemble besonders, dass jedes Mitglied ein echtes Mitspracherecht bei der Erarbeitung einer Interpretation habe. Sehen Sie das ähnlich?

 Auf jeden Fall! Genau darin liegt die Stärke des Concerto Köln. Wir erarbeiten unsere Perspektiven auf die Musik wirklich gemeinsam. So gibt es nicht nur eine Einbahnstraße vom Konzertmeister in Richtung der anderen Musiker. Und das gefällt mir sehr.

Sie selbst spielen sowohl die Barockgeige als auch deren modernen Nachfolger. Viele Ihrer Kollegen spezialisieren sich im Laufe Ihrer Karriere auf ein Instrument.

 Für mich ist historische Aufführungspraxis ein Begriff, der für die Alte Musik ebenso gelten kann wie für das 20. Jahrhundert. Dabei geht es natürlich nicht nur um das Instrumentarium, sondern auch um das Denken über die jeweilige Musik. Was aber mein Instrument anbetrifft, so ist der Unterschied zwischen einer Barockgeige und einer modernen Geige viel kleiner als etwa der zwischen einem Cembalo und einem Steinway. Eine Geige bleibt im Prinzip eine Geige. Für mich bedeutet das ein großes Glück, denn so kann ich Musik aus vier Jahrhunderten quasi auf einem Instrument spielen.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!